6.7.24

Freitag, der 13.

 


 
















Es war in der dritten Woche meiner Radwanderung durch unser schönes deutsches Land. Meppen im Emsland war das letzte Etappenziel des Vortags gewesen. Wohlig ausgeruht und gut gestärkt sattelte ich meinen Drahtesel, verabschiedete mich von der freundlichen Pensionswirtin und mit einem sorgenvollen Blick in den magentaroten Morgenhimmel machte ich mich auf den Weg nach Norden. Es dauerte auch nicht lange, da zeigte der Himmel mir seine unangenehme Seite, Wolken hingen wie nasse Federn über dem Radweg an der alten, kaum befahrenen Bundesstraße.

         Dann kam der Regen! Stundenlang regnete es ununterbrochen wie aus Gießkannen. Ich wusste schließlich nicht mehr, wie lange ich schon unterwegs war, jedes Zeitgefühl schien mir abhanden gekommen zu sein. Die Gegend, in der ich mit meinem Drahtesel unterwegs war, hatte mich beim Morgenrot noch zu lautem Singen animiert. »Und die Morgenfrühe, das ist unsere Zeit, wenn die Winde um die Berge singen ...«.

       Leider war mir dieses Hochgefühl dann doch nach einiger Zeit abhanden gekommen. Wer im strömenden Regen auf einem Radweg in einer einsamen Landschaft noch Lust hat, Wanderlieder zu singen - der muss wohl eine besonderer Mensch sein! Oder leicht angeknackt! Ich jedenfalls fluchte - laut und leise - vor mich hin, mir war nach allem zumute, nur nicht nach Gesang. Das Regencape hatte ich zwischendurch aus lauter Frust schon weggeworfen, nun war ich nass wie eine Katze, die in den Bach gefallen war.     Verzweifelt hielt ich Ausschau nach irgendwelchen Unterstellmöglichkeiten, nichts Derartiges war zu sehen. Bäume, gewiss, die gab es zur Genüge. Die jedoch trugen zur Lösung meines Problems nicht das Geringste bei! Ja - und dann - um das Maß der Freude voll zu machen: Das Hinterrad war »platt«! Wie auch immer, ich musste in den sauren Apfel beißen und mit dem zum Glück vorhandenen Flickzeug dem Schaden zu Leibe rücken! Das bedeutete nun: Bei strömendem Regen sämtliches Gepäck abladen, schimpfen, Hinterrad ausbauen, schimpfen, Schlauch flicken, schimpfen, Hinterrad einbauen, schimpfen, Gepäck wieder festzurren. Und dazu weiterhin das weiche Wasser aus Himmelshöhen gratis zum Kühlen.

      Langsam kam dann doch eine stoische Ruhe über mich! Sei es, dass meine Energie von der ganzen Meckerei am unteren Ende der Skala angelangt war; sei es, dass mich der Regen so abgekühlt hatte, dass der Rote Bereich schon nicht mehr erkennbar war: Ich konnte über die ganze Situation lächeln. Nicht nur lächeln, nein - ich lachte aus ganzem Herzen über meine Lage! Ich lachte und lachte, sicherlich war es der ganze Frust vorher, der sich nun in dieser Heiterkeit entlud. Und dieses Gelächter schien nicht enden zu wollen und es dauerte sicher eine Viertelstunde lang, bis ich meine Lachmuskeln wieder unter Kontrolle hatte.         Dann setzte ich mich wieder auf den Sattel und versuchte dem von vorn kommenden Wind - (der Wind kommt auf dem Rad immer von vorn!) - und dem Regen Paroli zu bieten. Seltsamerweise aber störte es mich keineswegs mehr. 

       Stunden später erreichte ich eine kleine Ortschaft. Der Dorfgasthof schien mir das Ziel all meiner Wünsche zu sein. Hier wollte ich übernachten, um danach am nächsten Morgen frohgemut in die Pedalen zu treten. Mein Blick fiel auf mein Äusseren. Ich erschrak. Mein Aussehen glich einem Vagabunden, der drei Wochen weder Bett noch Bad gesehen hatte. Regen und Schmutzspritzer hatten das Ihrige getan, um mich so katastrophal aussehen zu lassen. 

»LINDENHOF«, dieses wundervolle Schild verhieß mir Erholung und Schlaf. Dann jedoch sah ich in Gedanken einen Wirt vor mir, der mich von oben bis unten mustert und dann abschätzig zu mir sagt: »Ich hab kein Zimmer frei!« Ich fasste all meinen Mut zusammen und betrat die Gaststube. Ein anheimelnder Raum, blitzsauber und einladend. Aus den Nebenzimmern erklang Musik, Tanzmusik, lautes Reden und Gelächter. Der Wirt musterte mich zwar auch, als ich meinen Wunsch nach einem Zimmer vorbrachte. Dann aber sagte er: »Ich hab nur ein Doppelzimmer frei, wenn es recht ist?«

       Ich hätte ihn umarmen können. Endlich ausruhen, schlafen. Welch eine paradiesische Aussicht. Natürlich sagte ich sofort zu, holte dann mein Fahrrad und das Gepäck in den Hof um dann als erstes ein ausgiebiges Duschbad zu nehmen und mich umzuziehen. Ein herrliches Abendessen hatte ich mir schon beim Wirt bestellt.

         Als ich mich dann später wieder in einen normal aussehenden Menschen verwandelt hatte, betrat ich das Gastzimmer, um mein Abendessen zu genießen. Mein Blick fiel auf die sechs Tische im Gastraum. Es war nirgendwo für mich gedeckt! Ich schaute mich enttäuscht um, der Wirt trat hinzu, sah mein fragendes Gesicht und meinte dann, auf das Nebenzimmer zeigend: »Abendessen gibt es hier nebenan!« Gottlob, doch noch eine Mahlzeit, mein Magen hing schon auf Halbmast. 

     Ich betrat das Nebenzimmer und war plötzlich von einer großen Anzahl lustiger Menschen umringt. Sekt wurde mir angeboten, ein Platz ,an einer langen, festlich gedeckten Tafel freigemacht. Dann saß ich mit einer Vielzahl von gutgelaunten freundlichen Menschen zusammen und nahm an einer Mahlzeit teil, an die ich nicht im Traume hätte denken können! Die Hauptpersonen dieser Feier, ein Hochzeitspaar aus dem Dorf, nahm mich in diesen Kreis auf, integrierte mich in eine Gemeinschaft, von der ich noch Stunden vorher nichts wusste. Es wurde noch ein ausgelassenes Fest, Tanz und Gesang, witzige Reden und gute Gespräche liessen mich meine Müdigkeit vergessen. Als ich mich um Mitternacht schon ziemlich angeheitert, von der Gesellschaft verabschiedete, glaubte ich, in einem Märchen gewesen zu sein.

       Trotz des Lärms, der in den unteren Räumen noch herrschte, fiel ich in einen tiefen, erholsamen Schlaf, aus dem ich erst spät am Samstagmorgen erwachte. Das Frühstück später in der Gaststube nahm ich mit den Wirtsleuten gemeinsam ein. Wir redeten noch sehr lange über den gestrigen Abend, meine neugierigen Fragen aber wollten sie mir nicht beantworten.

       Am späten Vormittag verabschiedete ich mich, als ich dann jedoch die Rechnung verlangte, schaute der Wirt mich über seine Brille hinweg verwundert an: »Wieso Rechnung? Das ist schon alles bezahlt!« Mein verdutztes, fragendes Gesicht brachten ihn dann doch wohl zum Lachen. »Sie müssten sich jetzt einmal sehen«, sagte er dann, »solch ein Gesichtsausdruck ist einen Preis wert«. Und wie eine Prämie reichte mir dann die Wirtin noch ein gefülltes Körbchen mit den Worten: »Damit Sie unterwegs nicht hungern müssen!«

  Gestern war wieder Freitag, der Dreizehnte! Glückstag - Unglückstag? Aber ich bin nicht abergläubisch. Nein, wirklich nicht, musst Du mir glauben. Bin es auch nie gewesen. Aber seit jenem Freitag schaue ich mir jeden Kalender immer ganz genau an. Darauf kannst Du Dich verlassen! 

2.7.24

Nutze deine Zeit

 















In der Schule lernte ich einst, dass Materie weder erschaffen noch zerstört wird, sie verändert sich nur. Genauso denke ich, dass auch die Beziehungen zwischen den Menschen niemals ganz verschwinden, sondern sich tatsächlich nur verändern.

        Treue, Liebe, Freundschaft, familiäre Zuneigung, Vertrauen, Schuld, Feindseligkeit, Groll, Leid - all diese trivialen Leitsätze verändern sich in ihren Inhalten ständig. Mit den wandelnden Zeiten sind sie trotz allen anderslautenden Beteuerungen längst nicht mehr das, was sie waren, sondern werden zu etwas anderem, weder besser noch schlechter, eben anders!

       Manchmal höre ich von jungen Menschen, das sie die Freundschaft preisen und auch fest an ihre Unzerstörbarkeit glauben. Sie denken, dass alles, was sie heute unverbrüchlich miteinander verbindet, niemals mehr verschwinden wird. Ein auf ewig angelegtes Bündnis also. Dazu muss ich sagen, dass meine Meinung in der Vergangenheit mit diesen Aussagen völlig konform ging. Ich kann dann nicht umhin, den jungen Menschen zu sagen, dass sie jeden Moment nutzen sollen, weil sie es in einigen Jahren vielleicht nicht mehr tun werden.

       Sie können es heute noch nicht verstehen, auch nicht glauben, aber sie werden nie wieder zu denen werden, die sie heute sind, Und sie werden nicht in der Lage sein, das wiederzugewinnen, was sie verlieren. Es ist sehr schwer lernen zu müssen, ohne diese Gefühlsregungen zu leben, die sie einst hatten, zumal es fast unmöglich ist, das heute schon zu akzeptieren.

       Die Jugend ist die goldene Zeit unseres Lebens! Sie ist das Beste; vielleicht ist auch die Erinnerung dafür verantwortlich, die sie verschönert und die Schattenseiten verbirgt? Denn ohne Zweifel gab es viele jener Dinge, an die wir uns zu erinnern glauben, die jedoch nicht so geschehen sind.

       Wir werden nie wissen können, was wirklich passiert ist, wenn wir uns daran erinnern. All das ist im Nebel der Zeiten untergegangen. Besser gesagt, es hat sich in etwas ganz anderes verwandelt, das wir nun als etwas Neues erkennen, als wenn es die wahre Wirklichkeit war!

       Das ist die Frage, die ich mir stelle, wenn ich zurückblicke und mich an meine Jugend erinnere. Viele andere Fragen wurden schon seinerzeit in mir aufgeworfen, die ich in meinen Lebenserinnerungen »Tausend Jahre« zu beantworten versucht habe.

Wahrscheinlich aber ohne Erfolg …

1.7.24

Mauern

 


Ich rede nicht gern über Mauern. Sie trennen Menschen, sie trennen Situationen, sie trennen all jenes, das eigentlich eine Gemeinsamkeit sein müsste. Ich wüsste nur gern den Grund für diese ewigen Teilungen!

      Wer oder was bringt uns in die Lage, Mauern zu errichten? Was treibt uns dazu an? Eine Mauer deutet unsere Position in dieser Welt an. Existierend befinden wir uns auf der einen oder anderen Seite. Wenn es eine Mauer gibt, steht uns nicht mehr der gesamte Raum zur Verfügung, um uns frei bewegen zu können. Sie schränkt uns ein. Wir können ihr ausweichen, wir können sie ignorieren, nicht anschauen, so tun, als gäbe es so ein Ungetüm gar nicht. Das bedeutet jedoch nicht, dass sie verschwindet. Die Mauer ist da, trotz allem Herumreden.

     Es gibt Millionen von Mauern auf dieser Welt, das ist uns bekannt.. Kleine Mauern, grosse Mauern, kurze Mauern, einfache Holzzäune, Barrieren mit Stacheldraht, hohe Mauern, niedrige Mauern, die Vielfalt ist immens. Die Gebiete, in denen wir leben, sind komplett zerschnitten, Routen führen um Mauern herum oder durch diese hindurch, streng markiert. Alle Mauern haben Türen, Tore oder blosse Durchgänge, die bewacht werden können oder nicht. Zusätzlich zu den physischen Mauern, wie zum Beispiel die, die Berlin teilte, gibt es psychologische Mauern, kulturelle Mauern, religiöse Mauern, es gibt Mauern von alle Formen und Konsistenzen, die wir nach unserem Willen oder unserer Fähigkeit überwinden.

       Wir können eine Mauer verachten, indem wir ihr nicht die geringste Bedeutung beimessen; dies geschieht, wenn die Existenz der Barriere überhaupt nicht direkt in unser Leben eingreift, oder unsere Überzeugungen sehr verletzt. Es ist ganz leicht, eine Mauer völlig zu ignorieren, wenn sie nur den Nachbarn stört, mich aber völlig kalt lässt, nicht wahr?

       Die Existenz von Mauern kann durchaus gerechtfertigt sein - oder nicht: Doch jede Mauer, ob real oder psychologisch, steht nun mal konkret mitten in unserer Welt - und Zeit! Mauern trennen, ob man es will oder nicht. Die Trennung betrifft Länder, Menschen, Gedanken, Anschauungen. Eines ist dabei völlig klar - Frieden auf dem Erdball kann es nur geben, wenn alle diese unsäglichen Bauwerke abgeschafft würden. Da dies jedoch niemals geschehen wird, ist auch ein Friede auf Erden völlig illusorisch ...

 


30.6.24

Mein Freund Milan

 


 









Eigentlich hieß er ja Grzk. Milan Grzk, um genau zu sein. Aber jeder im Betrieb nannte ihn nur Milan. Als er in den sechziger Jahren als "Gastarbeiter" nach Deutschland kam, hatte er die Hoffnung, einen Zipfel des Glücks zu erhaschen, von dem die Leute in dem kleinen Dorf Dubrovčak an der Sava erzählten, wenn sie mit erwartungsvollen Augen von Njemačka sprachen. Deutschland schien für Milan und seine Freunde das Paradies zu sein. Viele ließen sich damals anwerben, um in der Ferne zu arbeiten, damit sie ihre Familien besser versorgen können. 

    Milan hatte sehr großes Glück, er fand einen Arbeitsplatz in einer westfälischen Textilfabrik, in der auch ich in leitender Stellung tätig war. Da er schnell eine Werkswohnung bekam, war es kurzfristig möglich, Frau und Töchterchen nachzuholen. Alles in allem - es ging ihm gut, die Zufriedenheit leuchtete richtig aus seinen Augen. Das Lächeln, mit dem er mich an jedem Morgen begrüßte, war so herzerfrischend, dass ich mich jeden Morgen freute, ihn zu sehen.

      An einem herrlichen Oktobertag hatte Milan mich zu sich nach Hause eingeladen, er wollte mir seine Familie vorstellen. Gern hatte ich diese Einladung angenommen, gleichzeitig aber auch erwähnt, dass sie ja keine grossen Umstände machen sollten. Mit einem kleinen Gastgeschenk machte ich mich dann auf den Weg. Freudestrahlend öffnete Frau Grzk mir die Tür, empfing mich mit einer Herzlichkeit, die ich so in dieser Form selten erlebt hatte. Mattea war eine wunderschöne Frau, so eine richtige dalmatinische Schönheit. Ihre dreijährigen Zwillinge, niedlich und wohlerzogen, fassten auch gleich Vertrauen zu mir und so ließ sich der Nachmittag gut an. 

       Milan erzählte aus seiner Heimat, erwähnte dann dabei, dass Mattea den besten Kaffee nach einer alten kroatischen Weise kochte! Das wollte ich mir dann aber auch nicht entgehen lassen. Dieser Kaffee wird in einem Kupferkessel vorbereitet. Der gemahlene Kaffee - pro Tasse zwei Teelöffel - wird mit der entsprechenden Menge von kaltem Wasser angesetzt. Dann wird das Wasser mit dem Kaffee zum Kochen gebracht, gleichzeitig noch eine ziemliche Portion Zucker zugefügt. Da dieser Kaffee im Endeffekt sehr stark ist, gehört eben auch viel Zucker hinein. Heiß wie die Liebe, süß wie ein Kuss und schwarz wie die Nacht, heißt es nicht so?

     Nach einer Weile wurde uns dann von Mattea dieser Kaffee kredenzt. Es war eine Zeremonie, die dort ablief. Irgendwie kam ich mir vor wie bei einem Märchen aus Tausendundeiner Nacht. Die Teppiche auf dem Boden und an den Wänden sowie unzählige Kissen taten ein Übriges, um diesen Anschein zu stärken. Dann kam der große Augenblick, da ich den Kaffee genießen sollte. Erwartungsvoll sahen mich vier Augen an, ich spürte richtig den Stolz Milans auf seine Frau Mattea. Ich nahm meine Tasse, führte sie zum Munde, der Kaffee war siedend heiß, dann der erste Schluck - es war wirklich ein einzigartiger Kaffee, so etwas hatte ich wirklich noch nie getrunken. 

      Milan fragte andachtsvoll: »Na, iis das guttt?« Ich hatte den ersten Schluck überwunden, nickte mehrmals heftig zustimmend, bekam dann jedoch einen leichten Hustenanfall. »Ja«, krächzte ich danach, »sehr gut!« Danach trank auch Milan seinen Kaffee. Das heißt, er wollte ihn trinken! Nach dem ersten Schluck sprang er auf, prustete laut in ein Taschentuch und gab dann einige unverständliche Worte von sich. Mattea, die aus der Küche herbeigeeilt war, brach in Tränen aus und lief weinend wieder hinaus. Des Rätsels Lösung? Die gute Mattea hatte in der Aufregung aufgrund dieses deutschen Besuches statt des Zuckertopfes den Topf mit dem Salz erwischt! Die Menge hätte gereicht, um eine Gulaschkanone voller Suppe zu salzen! Es wurde trotz dieses Vorfalls noch ein schöner Abend! Bei einer Flasche rotem Plavic ließ es sich auch gut erzählen.

     Als ich mich später von meinen Gastgebern verabschiedete, drückte mir Mattea ein Küsschen auf die Wange und bat noch einmal für diesen Unfall um Verzeihung. Wenn Milan und ich in späterer Zeit in der Kantine einen Zuckerstreuer sahen, brachen wir stets in lautes Gelächter aus. Im ganzen Raum konnte sich niemand erklären, warum wir immer so lauthals lachten!

 

Dann musst du eben gehen.

Mitten aus dem Leben erzählt ...  Sonnenschattengeflecht auf dem Waldboden. Der Geruch nach feuchtem Moos und nach Nadelgehölz umschmeiche...