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28.7.24

Meine Zeit II.

 







 

Welch ein Tag war das doch. Musik und Farben auf allen Wegen. Auf allen Strassen und Plätzen, an den Ufern der Seine, wo sonst vielfach die Clochards ihr Leben verbringen, war nun die künstlerische Welt tonangebend. Paris lag der sportlichen Welt visuell und akustisch zu Füssen. Bei einem unvorstellbaren technischen Aufwand ging es wirklich schon um Höchstleistungen. Gut vorbereitet haben die Veranstalter die allererste Goldmedaille verdient! Chapeau, mon équipe française!

       Aber auch die Zuschauer an den TV-Geräten vollbrachten zum Teil Höchstleistungen. Die stundenlangen Prozessionen der teilnehmenden Nationen, aufgehellt von Ballettkünstlern und Stars der Musikszene forderten dem Publikum schon eine Menge ab.

       Ja, es war wirklich eine grandiose Show der Superlative, die den Menschen in Paris und bei uns daheim geboten wurde. Wen stören da schon die Kosten, die dafür aufgebracht werden? Etwa 7,7 Milliarden EUROs schätzungsweise wird Paris kosten - das ist schon eine gewaltige Zahl, mit der sich rechnen lässt! Einiges wird davon durch Werbeeinahmen und TV-Rechten gedeckt sein. aber ganz bestimmt nicht alles, das hat die Vergangenheit bewiesen.

     Citius, altius, fortius - (schneller, höher, stärker) (1894) 

das war einmal derr Sinnspruch der Olympischen Spiele der Antike. Aber da bekam der Sieger auch einen Lorbeerkranz als Belohnung! Ich denke, dafür würde heute wohl niemand mehr ein Stadion betreten. Und die professionellen Sportgrössen würden sich vor Lachen ihre Muskeln festhalten.

       So ändern sich die Zeiten, für die »Einen« zum Vorteil, die »Restlichen« schauen eben zu! Ach ja - eines vergass ich noch: Zur Zeit von »OLYMPIA« herrschte Frieden - auf allen Seiten ...

10.7.24

Dann musst du eben gehen.



Mitten aus dem Leben erzählt ... 






Sonnenschattengeflecht auf dem Waldboden. Der Geruch nach feuchtem Moos und nach Nadelgehölz umschmeichelt die Sinne; in einem leisem Windhauch schwanken die hohen Buchen und Kiefern, kaum wahrnehmbar. Im Unterholz absterbende Äste lassen das »Stirb und Werde« der Natur überdeutlich werden. Ein kleiner Käfer versucht unermüdlich, einen morschen Baumstamm zu erklimmen. Vergebliche Mühe. Gero lächelt, spielt den Retter und nimmt ihn vorsichtig zwischen zwei Finger, setzt ihn auf das faulende Holz. Der kleine Kerl hat nichts Schnelleres zu tun als auf der anderen Seite wieder herabzufallen. Liegt dort auf dem Rücken und strampelt verzweifelt mit seinen Beinchen, kommt dann doch wieder in die richtige Lage und klettert eilig davon.

       Geros angestrengtes Lächeln will nicht so ganz gelingen. Wie ähneln die Bemühungen des kleinen Käfers doch seinem Leben! Carola sitzt neben ihm auf einem Baumstamm, fragend schaut sie ihn verwundert an. »Warum lächelst du?« Sie fragt irritiert, wartet. Er schweigt. Eine nichtssagende Handbewegung, der hilflose Blick zur Seite drückt seine Unsicherheit aus. Carola schaut ihn immer noch an. Er weiss, dass sie ihn nicht verstehen wird. Wie sollte das auch sein? Im letzten Jahr, seit dem schweren Unfall, hat sich ihre Beziehung immer mehr getrübt, es war nichts übrig geblieben von ihrer Liebe als eine Verbindung, die kaum über das Oberflächliche hinausging. 

       Gero wendet den Kopf, blickt lange auf die Waldlichtung hinaus, wo erste Nebelschwaden über dem kleinen Bach schweben. Dann seine Antwort: »Ach, nichts Wichtiges, ich sah nur ein paar Bilder vor mir!« Sie senkt den Kopf, sieht zu Boden, eine endlose Reihe von roten Waldameisen zieht dort zwischen Kiefernnadeln ihre Bahn. »Ach ja?«  Auf ihrer Stirn werden ein paar Falten sichtbar, er kennt das, es ist ein untrügliches Zeichen von Unmut. »Früher haben wir unsere Gedanken immer ausgetauscht«, meint sie dann, »auch scheinbar Unwichtiges kann wichtig sein. Es sind Deine Worte!« 

       Er sieht sie an. Ihr blondes Haar konkurriert mit dem Blau ihrer Augen, einige Sommersprossen, die sie selbst so hasst, geben dem schmalen Gesicht einen Touch von Kindlichkeit. Der Ohrschmuck aus Lapislazuli setzt dem Ganzen dann noch die Krone auf. Carola ist eine wirkliche Schönheit. Sie hatte ihn schon damals bezaubert, als sie noch zusammen in der Theatergruppe spielten. Und er war auch mächtig stolz, dass er derjenige war, der ihr Herz erobert hatte. Über drei Jahre ist es nun her, Jahre, die so wechselvoll waren wie meist das ganze Menschenleben auch. Freude und Glückseligkeit, Schmerzen und bittere Leiden. 

    »Wichtig. Unwichtig. Was macht das für einen Unterschied? Ändert das mein Leben? Unser Leben?« 
Er hat einen bitteren Geschmack auf der Zunge. Warum heuchelt sie? Er weiss doch schon seit einigen Tagen aus einem Gespräch mit Freunden, dass sie sich von ihm trennen will. »Es ist unser letzter Tag heute, nicht wahr, Carola? Warum sagst du nicht direkt, was du meinst? Auch das ist wichtig, jedenfalls für mich!« Er spürt wieder diesen Druck auf der Brust, der ihm das Atmen schwer macht.

    »Du versinkst wieder in Selbstmitleid?« Ein wenig spöttisch klingt das schon aus ihrem Mund. Jedenfalls spürt er es so. »Nun gut, mein Freund! Ich will dir dann auch sagen, dass ich lange, sehr lange hin und her überlegt habe, was aus uns beiden wird. So geht es einfach nicht mehr. Ich brauche Leben um mich herum. Du jedenfalls ziehst dich immer mehr von allem zurück. Das meinen auch alle Freunde!« Ihre Stimme wird lauter, etwas schrill. Dann tippt sie mit dem Finger auf seine Brust: »Du denkst, es dreht sich alles nur noch um dich, ja? Bist du die Sonne? Nein, du bist nur der Mond, der sich von der Sonne bescheinen lässt! Verstehst du? Nur der Mond!«

       Verwirrt schaut er sie an. Heiss steigt es in ihm auf, seine Gefühle drehen sich unablässig im Kreise. So hat er sie noch nie erlebt. Dann sagt er leise mit heiserer Stimme: »So? Und du bist dann die Sonne, ja? Meine Sonne? Die mir das Licht gibt, ja?« Er schüttelt den Kopf, erfasst wahllos einen Zweig des Unterholzes, zerbricht ihn, wirft ihn zu Boden.
»Wie selbstgerecht du doch bist, Carola.« Sie erhebt sich, läuft erregt ein paar Schritte auf dem Waldweg entlang, kommt zurück, bleibt vor ihm stehen: »Selbstgerecht? Ich habe immer zu dir gehalten, auch in deiner schweren Zeit. Immer war ich für dich da. Aber irgendwann kann man halt nicht mehr, verstehst du? Da ist man ausgebrannt, einfach alle!«

       Er schweigt, weiss ja insgeheim, dass diese Worte der Wahrheit entsprechen. Sie hat ein Recht auf ihr eigenes Leben, er kann einfach nicht erwarten, dass sie ihm alles opferte. »Carola, ich, ich liebe dich doch!« Seine Stimme klingt rau, fast tonlos. Sie steht schweigend vor ihm, den Schein der untergehenden Sonne in ihrem Rücken, das Gesicht völlig im Schatten. Schaut ihn lange an. Dann flüstert sie mit verhaltenen Worten: »Ich glaube, ich muss jetzt gehen!«

       Fast unmerklich nickt er mit dem Kopf, schliesst fassungslos die Augen. Und wie aus unerklärlichen Sphären, aus den Wipfeln der hohen Bäume klingen Töne an sein Ohr, Takte aus Beethovens Neunter, schwellen an, brausen empor und verstummen dann mit einem Paukenschlag.

       Carola steht immer noch vor ihm, beugt sich zu ihm herab, küsst ihn auf die Stirn, streicht dann sanft mit der Hand über seine geschlossenen Augen.
»Lebewohl, Gero!« Er spürt noch lange diese kleine Berührung, plötzlich ist Beethovens Musik wieder da, machtvoll, nimmt seine ganzen Sinne gefangen, während seine Schultern zucken und die Hände zittern. Als er nach endlos langer Zeit die Augen öffnet, ist sie gegangen. Nur ein Schwarm Mücken tanzt lautlos an der Stelle, an der Carola gestanden hatte. 

       »Ja, dann musst du gehen!« Er flüstert es leise in die Stille des Abends hinein, löst die Bremsen seines Rollstuhls, rollt langsam auf dem Waldweg heimwärts, sehr kraftvoll, aber die Augen blind vor Tränen.

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8.7.24

Vorbei?

 
















Auf einmal war es vorüber. Lang erwartet, mit vielen Vorschusslorbeeren bedacht, vor-kritisiert und von allen Seiten beleuchtet. Das Sommermärchen 2.0, das allen Interessierten dann doch nicht das erwartete Happy-end bescheren konnte, weil - ja warum eigentlich? Weil die Trauben dann doch noch nicht reif genug waren und man aus der Maische nur interessanten farbigen Essig zaubern konnte?

       Es ist nun mal das Gesetz solcher tollen Events: Einer kann nur der Gesamtsieger sein! Man kann einige Tage voller Hoffnung sein, dass alle Mitbewerber nicht den eigenen Level erreichen. Je nachdem nun der eigene Enthusiasmus auf die Spitze getrieben wird, bleibt dann die Enttäuschung in Grenzen oder fällt auf einen Zustand unter -50% des Vortages zurück.

       Der gewaltige (wirtschaftliche) Aufschwung, der beim Gewinn des ersten Platzes erwartet wird, fällt in sich zusammen, überlässt einer gewissen »Katerstimmung« seinen Platz. Bis dann irgendwann entdeckt wird, dass es ja gar nicht so schlimm ist, nicht an der Spitze zu stehen. Es bleibt immer der Aufruf, »nächstes Mal« von Neuem nach dem »Super-Cup« zu greifen! Irgendwie muss doch ein neuer Anreiz geschaffen werden, sonst geht alles völlig sinnlos an allen Beteiligten vorüber.

       Die finanziell hauptbeteiligten Partner wie UEFA oder FIFA erfinden doch immer wieder neue Wettbewerbe, um die FAN-Massen bei Laune zu halten. Die WM´s (oder EM´s) haben schon lange ihre Unschuld verloren!

(Wie die Olympischen Spiele auch, wer erinnert sich noch an die Zeit, als nur Amateure mitmachen durften? Thomas Morus »Utopia« ist auch im Sport kein Fremdwort mehr.)

Aber die Freude am Sport soll sich niemand nehmen lassen. Nur dass man im bitteren Ernst darin verharrt, ist kontraproduktiv! Im Zweifelsfall hilft stets ein Lächeln - auch wenn es vielleicht etwas gequält ist! 
Sehen wir uns 2026 bei der Fussball-WM wieder? Oder schon in den nächsten Tagen in Paris bei OLYMPIA? Bitte nicht den Spass verderben lassen ...

6.7.24

Freitag, der 13.

 


 
















Es war in der dritten Woche meiner Radwanderung durch unser schönes deutsches Land. Meppen im Emsland war das letzte Etappenziel des Vortags gewesen. Wohlig ausgeruht und gut gestärkt sattelte ich meinen Drahtesel, verabschiedete mich von der freundlichen Pensionswirtin und mit einem sorgenvollen Blick in den magentaroten Morgenhimmel machte ich mich auf den Weg nach Norden. Es dauerte auch nicht lange, da zeigte der Himmel mir seine unangenehme Seite, Wolken hingen wie nasse Federn über dem Radweg an der alten, kaum befahrenen Bundesstraße.

         Dann kam der Regen! Stundenlang regnete es ununterbrochen wie aus Gießkannen. Ich wusste schließlich nicht mehr, wie lange ich schon unterwegs war, jedes Zeitgefühl schien mir abhanden gekommen zu sein. Die Gegend, in der ich mit meinem Drahtesel unterwegs war, hatte mich beim Morgenrot noch zu lautem Singen animiert. »Und die Morgenfrühe, das ist unsere Zeit, wenn die Winde um die Berge singen ...«.

       Leider war mir dieses Hochgefühl dann doch nach einiger Zeit abhanden gekommen. Wer im strömenden Regen auf einem Radweg in einer einsamen Landschaft noch Lust hat, Wanderlieder zu singen - der muss wohl eine besonderer Mensch sein! Oder leicht angeknackt! Ich jedenfalls fluchte - laut und leise - vor mich hin, mir war nach allem zumute, nur nicht nach Gesang. Das Regencape hatte ich zwischendurch aus lauter Frust schon weggeworfen, nun war ich nass wie eine Katze, die in den Bach gefallen war.     Verzweifelt hielt ich Ausschau nach irgendwelchen Unterstellmöglichkeiten, nichts Derartiges war zu sehen. Bäume, gewiss, die gab es zur Genüge. Die jedoch trugen zur Lösung meines Problems nicht das Geringste bei! Ja - und dann - um das Maß der Freude voll zu machen: Das Hinterrad war »platt«! Wie auch immer, ich musste in den sauren Apfel beißen und mit dem zum Glück vorhandenen Flickzeug dem Schaden zu Leibe rücken! Das bedeutete nun: Bei strömendem Regen sämtliches Gepäck abladen, schimpfen, Hinterrad ausbauen, schimpfen, Schlauch flicken, schimpfen, Hinterrad einbauen, schimpfen, Gepäck wieder festzurren. Und dazu weiterhin das weiche Wasser aus Himmelshöhen gratis zum Kühlen.

      Langsam kam dann doch eine stoische Ruhe über mich! Sei es, dass meine Energie von der ganzen Meckerei am unteren Ende der Skala angelangt war; sei es, dass mich der Regen so abgekühlt hatte, dass der Rote Bereich schon nicht mehr erkennbar war: Ich konnte über die ganze Situation lächeln. Nicht nur lächeln, nein - ich lachte aus ganzem Herzen über meine Lage! Ich lachte und lachte, sicherlich war es der ganze Frust vorher, der sich nun in dieser Heiterkeit entlud. Und dieses Gelächter schien nicht enden zu wollen und es dauerte sicher eine Viertelstunde lang, bis ich meine Lachmuskeln wieder unter Kontrolle hatte.         Dann setzte ich mich wieder auf den Sattel und versuchte dem von vorn kommenden Wind - (der Wind kommt auf dem Rad immer von vorn!) - und dem Regen Paroli zu bieten. Seltsamerweise aber störte es mich keineswegs mehr. 

       Stunden später erreichte ich eine kleine Ortschaft. Der Dorfgasthof schien mir das Ziel all meiner Wünsche zu sein. Hier wollte ich übernachten, um danach am nächsten Morgen frohgemut in die Pedalen zu treten. Mein Blick fiel auf mein Äusseren. Ich erschrak. Mein Aussehen glich einem Vagabunden, der drei Wochen weder Bett noch Bad gesehen hatte. Regen und Schmutzspritzer hatten das Ihrige getan, um mich so katastrophal aussehen zu lassen. 

»LINDENHOF«, dieses wundervolle Schild verhieß mir Erholung und Schlaf. Dann jedoch sah ich in Gedanken einen Wirt vor mir, der mich von oben bis unten mustert und dann abschätzig zu mir sagt: »Ich hab kein Zimmer frei!« Ich fasste all meinen Mut zusammen und betrat die Gaststube. Ein anheimelnder Raum, blitzsauber und einladend. Aus den Nebenzimmern erklang Musik, Tanzmusik, lautes Reden und Gelächter. Der Wirt musterte mich zwar auch, als ich meinen Wunsch nach einem Zimmer vorbrachte. Dann aber sagte er: »Ich hab nur ein Doppelzimmer frei, wenn es recht ist?«

       Ich hätte ihn umarmen können. Endlich ausruhen, schlafen. Welch eine paradiesische Aussicht. Natürlich sagte ich sofort zu, holte dann mein Fahrrad und das Gepäck in den Hof um dann als erstes ein ausgiebiges Duschbad zu nehmen und mich umzuziehen. Ein herrliches Abendessen hatte ich mir schon beim Wirt bestellt.

         Als ich mich dann später wieder in einen normal aussehenden Menschen verwandelt hatte, betrat ich das Gastzimmer, um mein Abendessen zu genießen. Mein Blick fiel auf die sechs Tische im Gastraum. Es war nirgendwo für mich gedeckt! Ich schaute mich enttäuscht um, der Wirt trat hinzu, sah mein fragendes Gesicht und meinte dann, auf das Nebenzimmer zeigend: »Abendessen gibt es hier nebenan!« Gottlob, doch noch eine Mahlzeit, mein Magen hing schon auf Halbmast. 

     Ich betrat das Nebenzimmer und war plötzlich von einer großen Anzahl lustiger Menschen umringt. Sekt wurde mir angeboten, ein Platz ,an einer langen, festlich gedeckten Tafel freigemacht. Dann saß ich mit einer Vielzahl von gutgelaunten freundlichen Menschen zusammen und nahm an einer Mahlzeit teil, an die ich nicht im Traume hätte denken können! Die Hauptpersonen dieser Feier, ein Hochzeitspaar aus dem Dorf, nahm mich in diesen Kreis auf, integrierte mich in eine Gemeinschaft, von der ich noch Stunden vorher nichts wusste. Es wurde noch ein ausgelassenes Fest, Tanz und Gesang, witzige Reden und gute Gespräche liessen mich meine Müdigkeit vergessen. Als ich mich um Mitternacht schon ziemlich angeheitert, von der Gesellschaft verabschiedete, glaubte ich, in einem Märchen gewesen zu sein.

       Trotz des Lärms, der in den unteren Räumen noch herrschte, fiel ich in einen tiefen, erholsamen Schlaf, aus dem ich erst spät am Samstagmorgen erwachte. Das Frühstück später in der Gaststube nahm ich mit den Wirtsleuten gemeinsam ein. Wir redeten noch sehr lange über den gestrigen Abend, meine neugierigen Fragen aber wollten sie mir nicht beantworten.

       Am späten Vormittag verabschiedete ich mich, als ich dann jedoch die Rechnung verlangte, schaute der Wirt mich über seine Brille hinweg verwundert an: »Wieso Rechnung? Das ist schon alles bezahlt!« Mein verdutztes, fragendes Gesicht brachten ihn dann doch wohl zum Lachen. »Sie müssten sich jetzt einmal sehen«, sagte er dann, »solch ein Gesichtsausdruck ist einen Preis wert«. Und wie eine Prämie reichte mir dann die Wirtin noch ein gefülltes Körbchen mit den Worten: »Damit Sie unterwegs nicht hungern müssen!«

  Gestern war wieder Freitag, der Dreizehnte! Glückstag - Unglückstag? Aber ich bin nicht abergläubisch. Nein, wirklich nicht, musst Du mir glauben. Bin es auch nie gewesen. Aber seit jenem Freitag schaue ich mir jeden Kalender immer ganz genau an. Darauf kannst Du Dich verlassen! 

25.6.24

Glanz in den Augen

 




Meine Erinnerung ist oft wie ein Himmel voller Wolken, nachdem ein Sturm ihn leergefegt hat. Manchmal versuche ich angestrengt, mich an etwas zu erinnern, ich spüre, wie es genau dort erscheint, ein wenig erscheint, fast Gestalt annimmt, aber ... verdammt, da geht es wieder den Bach runter, versteckt sich in einem dieser grauen Wölkchen, es ist dann nicht mehr möglich.

       Irgendwann jedoch erscheint so etwas wie ein Leuchten in den Augen, das ich selbst nicht verstehe. Dann überlege ich, was das wohl sein könnte. Dabei ist die ständige Suche nach dem Grund eines Geschehnisses mir gar nicht bewusst.

       Ich muss einfach Geduld mit mir selbst haben.
Wie viele Bücher habe ich gelesen, wie viele Informationen hat mein Gehirn im Laufe seines Bestehens aufgenommen? Wie viele Filme, Lieder, Gemälde, Kunstwerke, Landschaften, Gesichter, gefühlte Empfindungen noch dazu? Wie oft habe ich meine, von Hör-Defiziten geplagten Ohren angestrengt, um etwa eine Melodie, ein Geräusch, ein Lachen besser zu verstehen?

       Meine Welt hat, vielleicht, kein Ende. Dabei ist mir doch klar, dass ich viele Dinge weiß, an die ich mich aber in manchen Augenblicken praktisch nicht mehr erinnern kann. Kurze Zeit später fallen mir diese Antworten unaufgefordert und auch unpassend wieder ein. Kennst Du das vielleicht auch?

       Manchmal erreichen mich unerwartete Informationen und Erinnerungen aus irgendeinem unscheinbaren Winkel meines Gehirns. Ich stelle mir dann vor, dass diese unerwarteten Begegnungen kleine neuronale Unfälle sind, ein Blitz oder etwas anderes, das für eine Nanosekunde meine Schädelhöhle erleuchtet.
Ist es das vielleicht, dass minutenlang den Augen eine Erleuchtung bringt? Wäre doch möglich ...

 

21.5.24

Strandcafé

 

















Wartende runde Tische. 
Wer sagte neulich,
hier wäre es gut?
es raunt ganz sachte
die Jalousie im Wind.

Ein kleines Schwätzchen,
Antje, blauäugig und blond.
Theaterdonner, Weltgeschehen,
Oder das Wetter -
unverbindlich, bedeutsam!

Was sagt der Kalender?
Sturmflut, Vollmondnacht,
vertrautes Schweigen danach.
Ständig unruhige Ruhe.
Es lebt sich so dahin.

Möwen am Himmel.
Grauweißes Watt,
Schafe ernten das Grün
von schützenden Deichen.
Zeitlose Realität.

©2000 H.Lux

6.5.24

Der Fremde

 

Eine Kurzgeschichte von H.C.G.Lux

 










»Guten Abend!« Richard schreckt aus seinen Gedanken auf, hatte sich doch regelrecht in diesen regnerischen dunklen Abend verkrochen und wartete auf das Ende dieser nassen Tagesepisode. Die sonore Stimme eines Mannes reisst ihn urplötzlich aus seinem Wachtraum. Wie? Was? Woher kam der Mann plötzlich? Meint er etwa ihn? Er schaut mit seinen dunklen Augen prüfend zu ihm herüber. Sein auffallend eleganter Mantel passt irgendwie nicht in diese Straße, gehört einfach nicht in diese graue Welt, deren Farben der Sonnenuntergang mit sich genommen hat. 

   Er schaut zu dem Fremden hinüber, der auch unter dem kleinen Vorbau des Hauses Schutz vor dem Regen gesucht hat. Nickt ihm dann zu, stumm und fast regungslos,

  Ein blauer Linienbus schleicht fast unhörbar heran und bleibt in der Haltebucht stehen, misstrauisch blickt der Fahrer durch die schmutzverschmierten Scheiben herüber. Niemand steigt aus. Mit leisem Surren fährt der Elektrobus wieder an. Der Fremde hat sich inzwischen in die überdachte Eingangstür der Herrenboutique gestellt. Durch das Eck-Schaufenster erkennt Richie, dass er seinen Mantelkragen hochstellt. Wartet der nun auf einen anderen Bus?

  Währenddessen prasselt der Regen unaufhörlich auf das Pflaster des Gehwegs, spritzt an den Hauswänden hoch und überzieht staubgepaart das Ganze mit einem Schleier. Richie drückt sich dicht an das Schaufenster dieses Ladens, der schmale Überstand gibt ihm wenig Schutz, kann auch nicht verhindern, dass Schuhe und Hose triefend nass sind. Seine Blicke verlieren sich im dichten Grau des nächtlichen Regens, Laternen spiegeln sich im Nass der Straße, der Regen wirft winzig kleine Fontänen vom Asphalt zurück.

  Fröstelnd versucht er sich in seine dünne Jacke zu verkriechen. Unangenehm, dieses nasse und kalte Märzwetter. Besonders für einen Menschen, der kein Zuhause hat und nicht weiß, wo er diese Nacht verbringen soll. Todmüde, könnte er vor Müdigkeit umfallen.

    »Kommt der 32er noch?« Der Fremde schreit die Worte fast zu ihm herüber. Richie fährt zusammen, hatte den Mann schon nicht mehr beachtet. Zuckt dann mit den Achseln; er weiß noch nicht einmal, ob dieses unsichere Zeichen in dem Zwielicht überhaupt sichtbar ist.

       Er überlegt. Der 32er Linienbus? Der fährt hier überhaupt nicht, hat hier in diesem Stadtteil nie gefahren, ja, er weiß mit Gewissheit, dass es in der ganzen Stadt überhaupt keine 32er Linie gibt! Schon sehr seltsam. Der Mann im Trenchcoat schaut auf seine Armbanduhr.

     Richies Blick wird starr. Wie er erkennen kann, ist da gar keine Uhr, der blickt nur auf seinen Unterarm! »Ist schon fast Mitternacht«, meint der Mann danach, »wo bleibt denn nur der Bus?« Da Ritchie den Fremden nun doch etwas intensiver ansieht, erkennt er, dass der doch nicht so jung ist, wie er vorher schien! Ihm fällt ein steinaltes Gesicht auf, mit modernem Hut, eingerahmt von Schal und dem modernen Trenchcoat. Wieso hatte er diese ledernen Falten seines Antlitzes vorhin nicht bemerkt?

    Der Mann schaut ihn nun voll an. Seinem Blick auszuweichen scheint fast unmöglich. Ein Schauer läuft Richie über den ganzen Körper; trotz der unangenehmen Kälte des Abends wird ihm unwirklich heiß! Was geschieht hier? Woher kommt dieses Gefühl unangenehmer Vertrautheit zu diesem Menschen? Er bemüht sich, in eine andere Richtung zu sehen, rollt seinen Kopf hin und her, um einer Verspannung der Halsmuskeln vorzubeugen. Irgendwo bellt aufgeregt ein Hund. Er mag es nicht, wenn Hunde nachts bellen. 

    »Haben Sie Feuer?« fragt der Mann. Hat nun ein Zigarettenetui in der Hand, lässt es einladend aufspringen. »Nein«! Die Stimme Richards klingt rau, bleibt fast im Halse stecken, »bin Nichtraucher.« Es sind seine ersten Worte, die heute Abend aus seinem Munde kommen. »Naja, ist ja auch gesünder«, meint der Andere dann mit einem kurzen Blick zu ihm, dann lacht er trocken auf, lässt das Etui wieder verschwinden, schaut wieder auf seine nicht vorhandene Armbanduhr!

  Der Regen fällt mit einer Intensität, wie Richie es lange nicht mehr erlebt hat, es erscheint jedenfalls so. Ihm ist elend zu Mute, er friert, ist durchnässt, todmüde und möchte eigentlich schlafen, unentwegt nur schlafen. Angestrengt überlegt er, wo er einigermaßen trocken unterschlüpfen könnte, ihm fällt ein, dass hier irgendwo in dieser Gegend eine Kleingartenkolonie sein müsste. Da könnte sich doch ein geschütztes Plätzchen finden lassen? Aber bis dorthin wäre er total durchnässt, wie zum Teufel, trocknet das dann wieder?

  Richie schaut den Mann gegenüber an. Der hat es gut, irgendwo steht für ihn ein warmes Bett, eine schmackhafte Mahlzeit, vielleicht ein Mensch, der sich Sorgen macht, der auf ihn wartet. Und wieder fragt er sich, was dieser Mann hier treibt. Warum er hier in dieser kalten regnerischen Nacht an einer Bushaltestelle steht und auf einen Bus wartet, der hier gar nicht fährt? »Kann ich Ihnen behilflich sein?«  Richie schreckt aus seinen Gedanken auf, sieht den Frager verständnislos an. »Es sieht so aus, als wenn Sie meine Hilfe brauchen«, meint der Fremde dann, »ich kann sicher etwas für Sie tun!«

    »Für mich tun? Sie?« Er ringt sich ein kurzes Lachen ab. Ein bitteres Lachen, tief aus der Seele heraus, aus einem Untergrund, der verschüttet ist. »Ganz gewiss nicht Sie! Sie sollten mich in Ruhe lassen.«

    Indem er sich um die Ecke des Schaufensters beugt, schaut der Mann ihn prüfend an, sagt er dann eindringlich: »Da bin ich mir nicht so sicher! Meine Möglichkeiten sind unendlich - und meine Beziehungen reichen sehr weit!«

    








Er zieht eine Visitenkarte aus seiner Manteltasche und reicht sie dem jungen Mann mit gestrecktem Arm herüber. Mit klammen Fingern ergreift der die Karte, versucht im Halblicht der Schaufensterbeleuchtung den Namen zu entziffern: 

»Lucas- Beratungsdienste«, steht dort, dann noch: »Your time is limited!«¹

      Das steht dort in silbernen Schriftzügen. Beratungsdienst? Welcher Art - was ist das? Ein Service, der sich nachts an Bushaltestellen herumtreibt und vagabundierende Menschen anspricht? Der auf ihn, auf den Gesichtslosen, den vom Leben Geprügelten wartet?

  Der Regen prasselt weiter auf das Pflaster der Straße. »Trotzdem werde ich jetzt fortgehen«, denkt Richie, »Die Sache nimmt beklemmende Ausmaße an. Ich habe es nicht so gern, wenn ich eine Sachlage nicht überschauen kann, das schafft in mir stets ein ungutes Gefühl, erzeugt einen Ring um die Brust, der mir den Atem nimmt«.

    Als ahne der Fremde seine Gedanken, lächelt er ihn in einer Weise an, die Richie richtiggehend aggressiv macht, als er ihm dann noch einladend zunickt und dies noch mit einer Bewegung seiner Hände unterstreicht, explodiert er! Mit unnatürlich lauten Worten, die aus seinem tiefsten Inneren hervorbrechen, versucht er ihm klarzumachen, dass er seine wie auch immer geartete Hilfe nicht haben will: »Las-sen- Sie -mich- in- Ru-he! Ich- brau-che- Sie- nicht!« Darauf antwortet der Andere nicht mehr.

  Richie schlägt seine durchnässte Jacke enger um sich, ergreift den am Boden stehenden feuchten Rucksack und rennt wie gehetzt über die Straße. Kein Blick mehr zurück, nein, der soll nicht denken, dass er Furcht vor ihm hätte. Er hat keine Angst, er hat bestimmt keine Angst, wäre auch stark genug gewesen, um es mit ihm aufzunehmen! Der Fremde ruft Richie etwas hinterher, es klingt ähnlich wie:  »Your time is limited!«
    Der Regen peitscht Richard ins Gesicht, und weil er mit diesen Auswirkungen des Unwetters zu kämpfen hat, nimmt er ihm auch noch das Denken ab. Er hat vollauf damit zu tun, die böigen Wassergüsse von seinem Gesicht fernzuhalten. Nachdem er in der Dunkelheit mitten in eine gewaltige Pfütze tritt, steht er urplötzlich vor dem Tor der Kleingartenanlage. Glücklicherweise ist es nicht verschlossen.

    In der Dunkelheit tastet er sich an der Hecke des Wegs entlang, findet ein niedriges Gartentor und klettert mühsam darüber hinweg, irgendwelche Steinplatten weisen den Weg zu einer Laube im hinteren Teil des Gartens. Es riecht stark nach Zwiebeln, nach reifem Grünkohl und nach feuchter Erde.

     Die Gartenlaube erscheint ihm größer, als sie von weitem schien. Die beiden vorderen Fenster sind mit Läden gesichert, zur dazwischen liegenden Tür führen zwei Stufen hinauf, vorsichtig betritt er diese nassen, schlüpfrigen Holzbohlen. Tastet sich dann vorwärts und ist dann bass erstaunt! Die Tür ist nicht verschlossen! Die Tür zur Laube ist nur angelehnt, das war sicher nicht zu erwarten, ganz gewiss nicht.

     Richie hatte vor, sich unter dem Vorbau ein wenig vor dem Regen zu schützen. Nun aber kann er doch bis zum Morgen ein wenig Trockenheit genießen. Ein winziges Stückchen Glücksgefühl durchströmt sein Herz. Wie wenig ist doch zum Glück nötig, wenn man am Rande der Gesellschaft lebt!

    Mit einem beglückenden Gefühl betritt er den dunklen Raum der Gartenlaube, schließt die Tür hinter sich, um etwas Wärme zu spüren. Er sieht fast nichts, tastet sich weiter in den Raum hinein. Stösst an einen Stuhl, der polternd umfällt, dann ertastet er einen runden Gartentisch, legt seinen Rucksack ab, hebt den umgestürzten Stuhl auf und lässt sich mit einem tiefen Seufzer nieder. Springt im gleichen Augenblick wieder auf, als eine bekannte Stimme im Hintergrund sagt:

»Hallo, your time is limited!«

 (¹Deine Zeit ist begrenzt....)

1.5.24

Nun ist er da!

 


 













Wer? Natürlich der Mai. Mit wundervollem Wetter, Frühlingsduft in allen Gärten, auf allen Balkonen. Der Mensch blüht ebenfalls auf, wie alle Blumen ringsherum. Ich bin vollauf begeistert, wie fröhlich die Menschen erscheinen.

Und der miesepetrige April hat das Weite gesucht. Ist mit Sack (Nebel) und Pack (Regen und Schnee) ohne seine Hinterlassenschaft verschwunden.

Natürlich, mit einigen müden »Fisimatenten« versuchte er ja noch, uns den Frühling zu vermiesen. (musste er wahrscheinlich von Amts wegen) mit irgendwelchen Aktionen in allen Harz-Orten liess man die sogenannte Tradition hochleben. Kläglicher Versuch übrigens, ging meist voll daneben, nur einige ganz Verwegene feierten diese »Walpurgis-Spinnereien« mit. (Es gibt ja nix, was man nicht feiern kann …)

Bei mir bleibt noch eine bittere Frage offen:

Wie kann man das Elend und die Not der etwa 10.000 Frauen und Männer feiern, die bei dem sogenannten »Hexenglauben« unschuldig ihr Leben einbüssten?

Müssen wir noch lange warten, bis wir den Hamas-Überfall auf Israel oder den »Putinschen Feldzug« als Freiheitskampf feiern dürfen?

Ich frag ja nur ...

27.4.24

Zurück zum Anfang?

 





















Wer hat nicht schon von der Zeit geschwärmt, als Heimat noch ein Begriff war, den man ohne Einschränkung als sein eigenes Paradies ansehen konnte? Doch dieser Ort der Träume, zu dem man gern zurückkehren möchte, existiert nicht, weil man selbst nicht mehr derselbe ist, der man einmal war. Das, was man Normalität nennt, ist letztlich nur eine Erinnerung, vielleicht sogar nur eine Utopie.

        Es kann nicht darum gehen, einfach zurück zu wandern in heimliche Sphären kindlicher Illusionen, sondern etwas Neues zu beginnen. Die Erinnerung an gestern wird nur noch mehr Verletzungen erzeugen. Die Zukunft kann nicht darin bestehen, in die Vergangenheit zurückzukehren. Jeder Versuch, dorthin zurückzukehren, kann nur ein Hirngespinst sein

      Wer darauf beharren will, das Leben so weiterzuführen, wie man es früher kannte,begeht einen Fehler, der aus Naivität entsteht. Niemand kann jemals versuchen, dorthin zurückzukehren, wo man in früheren Tagen glücklich war.

      Es wird stets diejenigen geben, die nicht mehr da sind, oder diejenigen, die sich so sehr verändert haben, dass man sie nicht wiedererkennt. Dann sieht man noch die Menschen, die zunächst so tun, als würden sie sich freuen, einen für eine Weile zu sehen, und diejenigen, die einen vergessen haben, ohne sich gross anstrengen zu müssen.

    Aber es spielt keine Rolle, dass dieser Ort nicht mehr derselbe ist, oder dass es fast niemanden mehr von früher gibt, oder dass er sich verändert hat. Ich möchte einfach nicht zur Normalität zurückkehren; ich möchte in einem neuem Zuhause leben, in dem ich mich wohlfühlen kann, umgeben von den Menschen, die mich begleitet haben, von denen, die ohne Ansprüche auf mich gewartet haben.

        Ich werde dort auch auf dich warten, lieber Mitmensch, der du dies liest. Denn wenn du verstehst, dass ein Weg in das »früher« nicht die Lösung für Probleme sein kann, bist du des vollkommenen Lebens ein Stückchen näher gerückt!

 

11.4.24

Die Stille in uns

 














Als er in der Frühe zu ihr kommt, hat der morgendliche Ablauf schon seinen Anfang genommen. Wie jeden Morgen singt Maria mit ihrer wunderschönen glockenhellen Stimme ihr Lied und die Menschen im Speisesaal hören ihr begeistert zu. Alle Schwestern und Patienten kennen dieses eintönige, unharmonische Lied, es beginnt und endet immer mit dem gleichen Ton. Dieser Ton verklingt zwar schnell, ist jedoch unterschwellig immer hörbar, ohne dass ein Nachhall die Resonanz stört. Irgendwann wird der letzte Ton zum Schweigen gebracht, ist nun nach zahllosen Wiederholungen unhörbar geworden. Dann tritt für lange Zeit eine Stille ein. Eine erbarmungslose Stille, sie eroberte den Raum sehr schnell wieder zurück.

        Maria verbeugt sich nach allen Seiten, wirft hier und da eine Kusshand in den Saal und setzt sich dann an ihren Frühstückstisch. Dann schweigt sie. Es ist, als wäre der Stundenschlag der Glocke verhallt und ruhte sich nun aus für den nächsten Auftritt. Die wunderschönen blauen Augen der Frau leuchteten früher stets in leidenschaftlichem Glanz, jetzt sind sie stumpf geworden, blicken rastlos im Raum umher. Ihre ziellosen Blicke verursachen ein Chaos in seinen Gedanken.  

      Sie schaut ihn an, aber sie sieht ihn nicht. Sie erzählt etwas und weiss doch nicht, was sie sagt. Sie sitzt vor ihrem Teller und kann allein nichts damit anfangen. »Mutti« nennt sie die Nachtschwester und erzählt ihr, dass ihr Bruder sie geschlagen hätte. Ihre Worte sind keine Sätze mehr, nur halb verständliches Kauderwelsch.

       Jeder dieser emotionale Momente bringt seine Gedanken ins Ungleichgewicht, baut sich zeitweilig auf zur Aggression, um kurz darauf in eine tiefe Mitleidsphase zu versinken. Er will mit ihr zusammen sein, ja, aber er kann sie nicht mehr erreichen. Sie lächelt ihn an, ein leeres Lächeln, das nichts weiter bedeutet. Er versucht daraufhin, ihr etwas Liebes zu sagen, sie versteht es nicht, nickt nur mehrmals heftig mit dem Kopf. Ihr Blick verrät ihm, dass sie nichts verstanden hat.

       Trauer macht sich in seinem Gemüt breit, wie stets in solchen Situationen drückt sie sein eigenes Ego völlig an den Rand des Daseins. Maria ist nicht mehr seine Maria und doch ist sie seine Frau, die er so sehr geliebt hat und immer noch liebt. Er wünscht sich nichts mehr, als in ihre Welt eindringen zu können, sie zu verstehen, wie er sie in all den Jahren ihres Zusammenseins immer verstanden hat. Doch sie ist ihm entglitten, ist nur mehr eine leere Hülle, ihre Seele hat sie schon längst verlassen. Er muss einfach akzeptieren, dass ihrer beider Herzen nicht mehr im gleichen Takt schlagen, sondern getrennt voneinander in verschiedenen Existenzen leben.

    Welch eine Wahrheit, welch eine unselige Gewissheit wird hier offenbar. Wie weit reicht Liebe? Kann sie den Tod überdauern? Vielleicht. Kann sie aber einem Leben so viel Energie schenken, dass sie auch weiterhin, trotz einseitiger Zuwendung, bestehen bleibt? Fragen, die kaum jemand beantworten kann.
     Maria ist seine Frau. Gewiss. Aber sie ist ein anderer Mensch. Er liebt sie auch weiterhin, aber er liebt einen Menschen, der einmal war und nun nicht mehr der Gleiche ist, nie mehr sein wird. Um diese Diskrepanz zu begreifen, wird er noch lange Zeit brauchen. Diese frühere Zeit ist auch nicht mehr rückholbar, damit muss er leben. Dieses Leben, sein eigenes Leben in der Zukunft aber wird bedeutend schwerer sein als das Leben seiner Frau, deren Gedanken im Nirgendwo ihre Heimat gefunden haben!

 

 

8.4.24

Worte der Liebe

 












Die Stunden der Nacht sind vorüber. Worte beginnen zu wandern. Hier hin - dort hin. Tief unter der Haut verwurzeln die Worte im Zwielicht des Morgens. Streifen leise durch das morgendliche Grau des Zimmers. Flüstern Geständnisse, beichten kleine Geheimnisse des Lebens, die sonst unausgesprochen blieben. Weil Liebe unteilbar ist, bedarf sie weder einer Frage noch einer Antwort.

Blicke treffen sich. Finden sich zum traulichen Miteinander.
Spannen Netze aus filigranen Silberfäden, glänzende Wunderwerke des Daseins. Verbinden sich zur Einheit des frühen Tages ohne Rücksicht auf die gesichtslose Form des Morgens. Die Nacht bleibt zurück, ist bedeutungslos geworden, ist Vergangenheit. Nur die Stunde zählt, die Stunde der Liebenden.

Erinnerungen sprechen eine eigene Sprache, kaum einer versteht sie. Hätten die Augen Geduld, würden sie auf die kleinen Dinge achten, könnten Farben erkennen und aus dem Mosaik Bilder formen. So jedoch bleiben sie im Gewirr des Morgens hängen. Wozu fragen, wenn man die Antwort kennt? Aus dem Dunst der Vergangenheit entsteht ein Fragment der Zukunft, zwar unvollständig, dennoch bildhaft in klaren Farben. 
Nein, Worte sind nicht Schall und Rauch, wie der Dichter sagt! »Ich liebe Dich« ist ein Abbild des Denkens, ein Synonym für ein Miteinander des Lebens, vielleicht begrenzt auf Zeit, vielleicht für die Ewigkeit; auf jeden Fall aber fliegen die Herzen in intimer Zweisamkeit empor zu den Sternen. Sie verlieren sich dort und finden sich immer wieder.

»Ich liebe dich!« Der Sinn dieser Worte ist so bemerkenswert, dass er aufgehoben wird bis an das Ende der Tage. Man möchte ihn mit den Händen fassen und bewahren, obwohl die Vergänglichkeit des eigenen Ichs lange erkannt ist.
Worte sind der Gesang der Seele. Einmal gesprochen sind sie fort, fliegen in die Weite. Kehren auch nie zurück, überwintern im Dunst des Erinnerns, bis sie melodiös als Duett im warmen Strudel des Frühlings erklingen, eine Sinfonie der Liebe in einer Welt der Kälte.

Wenn die Stunden der Nacht vorüber sind, gebiert der Morgen das Licht, lässt das verwelkte Dunkel hinter sich und entsorgt es auf den Stapel des Vergessens. 
Gestern war, morgen wird sein. Beides ist nicht mehr oder noch nicht beeinflussbar, allein das Heute ist der Weg unseres Daseins.

Ohne Notwendigkeit, ohne jede Vorbedingung und ohne jede Suche schenken die Worte der Liebe Wärme und Vertrauen, Hingabe und Erfüllung. Im Leben eines Menschen kann nichts bedeutsamer sein als gemeinsam gelebte Stunden, Tage und Jahre. Sie ergeben die Quintessenz des Lebens zu zweit.

Oftmals aber sind »Einsam« und »Gemeinsam« Zwillingsgeschwister! Dort, wo die Worte der Liebe verloren gehen, verschwindet oftmals das »- Gem -« auf unerklärliche Weise. Und niemand weiss, wohin es ging. Eines grauen Morgens war es nicht mehr da.

Das geschieht dann, wenn die Vergangenheit die Oberhand erhält oder die Zukunft im Blickpunkt steht. Wenn das Heute, das Leben im »Jetzt« nicht mehr vordergründig ist, verliert auch das Wort »Ich liebe dich« an Bedeutung, es wird dann nur noch als inflationäres Anhängsel benutzt und irgendwann hat es seine Wichtigkeit vollends verloren!

Die Nacht bleibt zurück, wird bedeutungslos. Nur die Stunde zählt, die Stunde der Liebenden ...

 

 

 

5.4.24

Der geblümte Himmel

 


 










Wer sagt denn, dass der Himmel stets unifarben und nicht bunt geblümt ist?
Mein Schatz behauptet dies jedenfalls manchmal, nun gehe ich vor die Tür, schaue nach und bin doch enttäuscht. Blumen sehe ich nur im Vorgarten der Nachbarin. Aber die kann ja nichts dafür. Während ich kopfschüttelnd den Himmel betrachte, hinterlässt unser Hund seine Duftmarke am Reifen der vollgepackten Limousine.
Diese trägt diese Botschaft nun in die Welt hinaus, in Luzern erfährt morgen nun eine Hundedame, dass unser »Rex« gerade von einem verdorbenen Magen genesen ist. Macht sie sich nun Sorgen?
Ich denke eher, nein. Er hat sie ja nicht angerufen, der Akku des Mobils war leer.
Er jault leise. Der Hund, nicht der Akku.
Sicher sucht er auch den geblümten Himmel, nun wälzt er sich auf unserer Wiese. Ist doch schön, sich auf solch einer Wiese zu wälzen, denke ich.

Ich werde meinen Schatz fragen, ob sie die Blumen am Himmel wirklich gesehen hat und wenn ja, welche. Im Oktober blühen bei uns jedenfalls keine Tulpen, wir wohnen ja auch nicht in einem Gewächshaus in Noordwijkerhout, sondern in der Lüneburger Heide. Und da ist es auch schön, auch wenn die Tulpen bei uns Erika heissen und violett im August blühen. Aber auch nicht am Himmel, meine Liebste muss sich geirrt haben.

Hab ich eigentlich die Flasche mit dem Apfelkorn weggestellt? Ich bin da mir nicht sicher. Vielleicht hat der Rex sie ja gefunden und deshalb war er krank?
Egal. Aber das gibts doch nicht, der Himmel ist da hinten gewölbt. Warum denke ich jetzt an »Christa Wolf«?
Ah ja: Der geteilte Himmel ... War ganz gut, der Roman.
Geteilt, aber nicht geblümt. Ist doch schade, hätte das so gern gesehen. 
Vielleicht ist er ja in Luzern bunt gemustert? In der Schweiz ist alles möglich.
 Hat das denn noch niemand erforscht? Möglich, dass es ja darüber auch eine Doktorarbeit gibt?
Muss doch mal googln. Dann schreibe ich auch eine. 
Eine Doktorarbeit, meine ich. Über Nachrichten am Autoreifen, aus himmlischer Sicht!
Hat doch was.
»Rex, komm endlich rein!«
Da wälzt er sich zwischen den Rosen im Nachbargarten.
Kann ja sein - wer weiss das schon - das wäre sein Himmel, bunt geblümt?

 

 

16.3.24

Adieu

 


Wer nie in seiner Jugend Sturmeszeiten
geträumt von endlos großen Weiten,
niemals sein Herz auf Wanderschaft geschickt,
und nie in Nachbars Garten nur geblickt.

War immer brav, wie es im Buch geschrieben,
hat seine Träume jedermann verschwiegen,
seine Wünsche stets nur unterschlagen,
er hat sich nie getraut, Leben zu hinterfragen. 

Er hat ein Lob verdient - und einen Orden!
Was ist aus seinem Lebenstraum geworden
und mit dem Ziel, zu dem er immer strebte?
Kann er heut sagen, dass er wirklich lebte?

Er baute auf, mit Fleiß und viel Geschick.
Manchmal half auch ein Quäntchen Glück.
Das Leben war zu keiner Zeit ganz leicht.
Eines Tags ist das Finale dann erreicht,

Es heißt dann Servus und Aufwiedersehn;
er blieb ja gern, doch zwingt man ihn, zu gehn.
Damals in jungen Jahren lockte ihn die Ferne.
Nun reist er ab. Sein neues Ziel: die Sterne.

Dann steht er ganz allein vorm großen Tor
und kommt sich fürchterlich verlassen vor.
Da hört er eine Stimme, ganz besonnen: 
Mein Freund tritt ein! Du bist willkommen!

(©2020 by H.C.G.Lux)

12.3.24

Sie sollen es einmal besser haben!

 



 
















Wer von uns kennt diesen Satz unserer Großeltern oder Eltern nicht? Du sollst es einmal besser haben! Und? Haben wir es wirklich besser? Heißt die elektronische Revolution, dass es allen besser geht? Ich bezweifle diesen Ansatz stark. Es kommt immer auf die Basis an, auf den Ausgangspunkt der Aussage! Was heißt denn schon besser? Wäre es besser gewesen, wenn ein Germane im Smoking herumlief anstatt im Bärenfell? Würde ihm ein Pils besser schmecken als ein Becher Met?

   Wie viel mehr Tote hätte es im »Dreißigjährigen Krieg« gegeben, wenn Tilly damals schon ›Raketen oder Wasserstoffbomben‹ gehabt hätte. Und der alte Napoleon wäre brav in seinem Lande geblieben, wenn die Millionen von Landminen, die heute noch überall vergraben liegen, schon 1800 an seinen Grenzen gelegen hätten.

   Besser? Es war zu keiner Zeit wirklich ›besser‹, weil immer die Zukunft glorifiziert werden sollte. Genau wie auch die Vergangenheit. Wer kennt nicht die »Gute Alte Zeit«, vielfach beschworen, die niemals diesen Lorbeerkranz verdient hat, der ihr angehangen wurde! Es kommt immer auf die inneren Umstände an, die maßgeblich am Leben beteiligt sind. Und diese tragen immer eine »Träne im Knopfloch«. Wer die Gegenwart nicht liebt, weil sie ihm zu schwer, zu unleidlich erscheint, liebäugelt jeweils mit der Vergangenheit, die er sich ja nach Belieben aussuchen kann, er muss nur lang genug forschen. Sehen wir das nicht heutzutage erneut! Warum glauben so viele Menschen schon wieder, dass die Diktatur des III.Reiches ein herrlicher Staat war?

   Es ist richtig, auch wir, die man uns heute die Alten nennt, hatten keinen Respekt vor der »gestrigen« Generation! Weil diese es ja war, die alles in ihrer Hand hatte und nicht freiwillig die Jungen beteiligte. Sicher ist das eine Eigenart des Menschen, die man jedoch auch im Leben der animalischen Geschöpfe findet. Das »Alte« muss nach einer gewissen Zeit abtreten, tut es das nicht, wird es gezwungen.
Das bedeutet im menschlichen Sinn aber immer, dass es stets revolutionäre Auswirkungen gibt, weil selten jemand freiwillig das »Erreichte« wieder abgibt.

  Und - das sollte nie vergessen werden: es war zu allen Zeiten so! Ob bei den Neandertalern, bei den antiken Herrschern, den Potentaten des Mittelalters, den europäischen Kolonialherren, den Eroberern des amerikanischen Kontinents bis hin zu den Kriegen unserer Neuzeit!

Sie alle wollten, dass ihre Nachkommen es »einmal besser hatten«! Aber - und das ist auch unzweifelhaft: Immer auf Kosten Anderer!

 

5.3.24

Ich bin

 




















John Clare, (1793-1864)

Es ist ein grauer Tag im März, feiner Nebel erfüllt die Luft mit einem nasskalten Anklang. Während ich mir John Clares Gedichte zu Gemüte führe, sehne ich mich nach jener Zeit (1793-1864), in der sie entstanden sind, zurück. Wirklich? Ist es so erstrebenswert, diese enormen Klassenunterschiede des damaligen französischen Königreiches herbeizuwünschen? Sicher nicht, solche Wünsche sind unmögliches Denken..

In dieser Übergangszeit zwischen den Welten, als in Frankreich die große, zum Teil auch erschreckende Revolution ihren Anfang nahm, als Louis XVI. und Marie Antoinette versuchten, das Leben der Menschen noch stärker zu beeinflussen, begann auch die romantische Bewegung in Europa.

 »Ich bin! Doch was ich bin -
mag's keiner wissen?
Im Stich gelassen und
gefallen aus der Zeit.«

John Clare hat hier mit seinen nostalgischen Anwandlungen mitten in ein Wespennest gestochen. Welche Zeitläufte der Dichter damit meint, tut er uns nicht kund.
Es scheint dabei, dass jenes eigene Dasein, dessen er sich rückblickend erinnert, doch Zweifel aufkommen lässt, lebenswert gewesen sei. Später fragt er weiter, und mit diesem Fragen erschließt sich ein weiteres Feld der Fragen nach dem Sein.

»Und was ist Leben? 
Eine Sanduhr auf der Flucht,
ein Nebel, der sich löst
in Sonn' und Wind,
ein
immer wiederkehrender Traum,
der stets geträumt sein muss.
Und Glück? 
Eine Blase im Strom,
die beim Ergreifen in ein
Nichts zusammenschrumpft«

Wir alle leiden doch an Nostalgie, mehr oder weniger ist jeder Mensch dazu verurteilt, sich zu erinnern oder auch manches zu bereuen, doch wir bleiben immer darin verstrickt, im Sinne des natürlichen Ablaufs unseres Lebens.

Falsch oder nicht, wir haben zu allen Zeiten Träume gewebt, haben Gespinsten nachgetrauert, von denen alle wussten, dass sie nie in Erfüllung gehen könnten! Wir ersehnten immer eine wirkliche Zukunft - eine Brücke zwischen heute und morgen, ohne Abkürzung, ein Weg, auf dem wir sicher entlangwandern könnten. Dieser Weg sollte ohne Bangen sein, ohne Angst vor zukünftigen Taten, ohne das widerspenstige Schwert einer unsicheren Welt. Und dann? Wie drückte John Clare es aus: »Eine Blase Luft in einem Strom!«

27.2.24

Wer noch träumen kann ...

 












Können Regentropfen reden, während sie zur Erde fallen? Kann es sein, dass sie es nur eilig haben hinunterzukommen? Hätte vielleicht jeder seine eigene Sprache um die Geschichte seines Bruders zu empfinden und zu hören? Oder ist es so, dass alle gleich sind ohne Sinn und eigene Bedeutung und sie hätten sich nichts zu sagen?

Kommt, Freunde, lasst uns doch die Welt einfach mit Märchenaugen sehen, lasst die Hoffnung den Schmerz ausser Kraft setzen und Freude die Oberhand gewinnen. Seht doch, wie viel Licht hinter dem Schatten ist! Und bitte sprecht leiser, damit die Träume sich nicht fürchten, sie sind doch sehr schreckhaft.

Das Negativum in der Welt versucht immer wieder, lauter zu reden oder sogar zu schreien, damit es sich hinter dem Schleier des »Nicht-verstanden-werden« verstecken kann. Lassen wir es nicht zum Führer durch unser Leben werden und unsere Sinne gefangen nehmen.

Hört ihr den Wind stöhnen und voller Wehmut dahinziehen? Er weht bis zum Gespinst unserer Traumbilder, gleitet weiter in die Unendlichkeit und lässt uns zurück, wenn wir nicht darauf achten. Dann aber ist es zu spät, denn wer nur noch Rückschau hält, verliert den Kontakt zur Gegenwart. Die dann davon hervorgerufene Wirklichkeitsebene wird von unseren Traumschleiern verdeckt, öffnet eine Tür ins Unendliche mit einem Blick auf das Nichts! Wer will das?

 Franz Kafka sagt: „Das Glück begreifen, dass der Boden, auf dem Du stehst, nicht größer sein kann, als die zwei Füße die ihn bedecken.“

Dieses Glück zu haben, zu vervollkommnen, ist eigentlich das Glück überhaupt. Was wissen wir, was erinnern wir noch von dem, das für uns einst selbstverständlich war? Wir wussten doch schon als Kinder, dass Schneeflocken, diese einzigartigen unverwechselbaren Gebilde, weinen können! Wir vergaßen es. Natürlich, die Realität des täglichen Lebens macht es keinem Menschen leicht, in den lichten Höhen der Märchen zu leben.

Aber gerade dieses Nichtwissen und dennoch erinnern macht uns zu einzigartigen Geschöpfen. Wir dürfen das Wunderbare des Lebens erkennen, wenn wir es nur zulassen. Wir schauen bis zum Horizont, der so fern scheint, doch ein kleiner Schritt reicht, dass er uns gehört.

Das geht nicht? Hast du es mal versucht? Als Kind konntest du es, dir gehörte die ganze Welt. Dann holte die Realität dich ein, von diesem Moment an sprachen die Regentropfen kein Wort mehr, die Schneeflocken weinten nie wieder.

Still! Hörst du sie wieder? Wenn sie schweigen, bist du noch nicht wieder im Märchenland angekommen. Aber du bist auf dem richtigen Weg. Ganz gewiss, denn du träumst wieder.

Krieg ist kein Spiel

    Ich bin eigentlich in einer Familie groß geworden, die den Krieg gehasst hat. Dazu haben die Jahre 1914-18 und 1939-45 zu viele Opfer ...