10.8.24

Hallo Opa !?

 






Die Mittagsruhe ist mir heilig seit ich nicht mehr ins Arbeitsleben eingespannt bin. Und so lebe ich dann auch genüsslich und tief versunken in irgendwelchen Traumwelten. Dann, im Halbschlaf die Melodie der »schönen blauen Donau«! Ist das nicht etwas Wunderbares? So zart mit Johann Strauß geweckt zu werden, das ist fast ein Märchenzauber.
Aber die schöne blaue Donau scheint doch irgendwelche anderen Pläne zu haben, ich stelle überrascht fest, dass es mein Smartphone ist, das mich den seligen Träumen entreißt. Meine freundlichen Gedanken nehmen sekundenschnell eine andere Färbung an. Noch schlaftrunken melde ich mich:

»Waldmann. Was gibt’s?«

»Hallo Opa,« eine jugendlich frische und sympathische Stimme meldet sich am anderen Ende der Leitung, »nu sag bloß, du kennst mich nicht mehr? Ich wollte dir ein glückliches Neues Jahr wünschen. Und viel Gesundheit!«

Ich laufe ein wenig neben der Schiene. Wer wünscht mir was? Mein Doc etwa? Glaub ich nich, der ist doch froh, wenn ich ich öfter bei ihm erscheine.

»Wer wünscht mir alles Gute?« Langsam komme ich zu mir. »Wer ist denn da?«

»Na ich, dein Enkel!« Oha! Jetzt wird es spannend.
Ich frage ganz ostentativ: »Krischan?« Ein anderer Name fällt mir so schnell nicht ein.

»Klar Opa, der Christian, was denkst du denn. Mama hat mir extra aufgetragen, dich ja nicht zu vergessen. Sie ist gerade auf ’ner Kreuzfahrt im Mittelmeer!«

Soso, Kreuzfahrt. Na dann pass mal auf, du Kolkrabe, ich bin jetzt unter vollen Segeln.

»Na mien Jung, was hast du denn auf dem Herzen?« Ich bringe das so richtig mitfühlend rüber, meine eigenen Gefühle spielen schon Achterbahn.

»Ach Opa, ich hab da ein Problem. Ich muss da eine Kaution für eine Wohnung in Wilhelmshaven hinterlegen, und meine Kröten reichen nicht ganz!«

»Was machst du denn in Wilhelmshaven? Arbeitest du da?« Wollen wir doch mal sehen, wie weit der Clown da noch geht. Jetzt macht es so richtig Spaß.
»Nee, Opa, Ich studier doch an der Seefahrtsschule. Will doch Käpt’n werden , so auf großer Fahrt!«

Ist doch gediegen - da gibt es gar keine Seefahrtsschule, die ist hier bei uns in Leer. Na gut, lassen wir ihm seinen Willen.
»Also Krischan, wie viel brauchst du denn für die Kaution?«
Bin nun mal gespannt, wie hoch der Kerl jetzt pokert!
»Ach Opa, du weißt doch, wie das heut mit den Wohnungen ist. Zweitausendfünfhundert Euronen will der haben, ist das nicht unerhört?

Kannst du mir die vorschießen? Kriegst auch auf Heller und Pfennig alles wieder.«

Tja, das ist wirklich »unerhört«, will der Knilch zweieinhalb Mille von mir! Wie gehe ich da nun weiter vor?

»Also, so viel hab ich aber nicht im Hause, da muss ich erst zur Bank!« Da fällt mir noch ein Trick ein.

»Du Krischan, ich kann dir das doch überweisen, ist doch auch sicherer!« Vor Lachen kann ich schon bald nicht mehr reden; Was macht er nun?

»Ist was, Opa, du klingst so komisch?«

Also, der will das doch in bar! Und heute noch.«Nee, mien Jung, is allens klor! Ich geh gleich zur Bank. Kannst das dann ja hier abholen.«

Eine kurze Stille, ich frage nach: »Bist du noch da?«
Dann seine Stimme: »Ja. Nein. Das geht ja nicht, Opa, ich bin doch in Wilhelmshaven. Aber ich schick dir meinen Freund Till vorbei, der ist heute noch zu Hause in Augustfehn und kommt heut abend zu mir. Dem kannst du das mitgeben! Der kommt so gegen Drei zu Dir, ist das recht?«

Und ob mir das recht ist. Nebenbei bemerkt: ich hab gar keinen Enkel, meine Kinder haben alle Mädels auf die Welt geschickt!
So, es ist jetzt halb Zwei. Mein Skatbruder Willi, der Polizeimeister, den werde ich gleich informieren. Und der liebe Christian - oder wie er heisst - der kriegt dann alles, was er braucht …

 

8.8.24

Bücher und Menschen.

 


Ich weiss nicht, wie ich darauf komme - aber in mancher Hinsicht versuche ich, Menschen mit Büchern zu vergleichen. Richtig dumm, nicht wahr? Dennoch bietet sich dieser Vergleich an, denn je mehr ich über dieses seltsame Thema sinniere, desto mehr kommen mir da etliche Vergleiche ins Gedächtnis.

       Es gibt da spannende Typen, lustige und langweilige, solche die dir schlaflose Nächte bescheren und jene, die dich wunderbar einschlafen lassen! Bei einem kommst du vor knisternder Spannung kaum zum Atmen während du beim nächsten nicht herausfindest, warum dieses unerträgliche Exemplar es überhaupt in deine Nähe geschafft hat.

       So ist es mit der Literatur und mit den Menschen. Manche werden dir von jemandem empfohlen, andere zwingen sich, förmlich auf. Über einige hast du viel Gutes gehört, das hat dich neugierig gemacht. Wieder andere erregen zunächst deine Aufmerksamkeit, mit der Zeit, wenn die ersten Seiten umgeblättert sind, hören sie einfach auf, dich zu interessieren. Andere fallen dir einfach in die Hände - du weisst nicht genau wie, aber sie fangen dich unweigerlich für alle Zeiten ein und du vergisst sie nie!

       Es gibt solche, die nur wenige Seiten lang, aber unvergesslich sind, Es gibt solche, die wirklich einschläfernd sind, aber es gibt auch solche, die sich über Monate halten und man geniesst sie in vollen Zügen. Es gibt solche, die einem nichts sagen, die deshalb nicht halten können, was sie aussen versprechen, sobald man sie aufschlägt, weiss man bereits all das, was sie sagen werden, und man verlässt sie nach ein paar Seiten.

       Es gibt dann noch diejenigen, die man nicht durchblättern will, du erinnerst dich aber dein ganzes Leben lang an sie, weil sie in dir eine unauslöschliche Erinnerung hinterlassen haben. Du wagst es nicht, zu ihnen zurückzukehren, um den guten Eindruck, den sie auf dich gemacht haben, der sich mit der Zeit geändert haben kann, nicht zu verderben Du liest sie dann noch einmal.

       Ja, dann bleiben noch die an deiner Seite, die man eines Tages entdeckt und von denen man sich nie wieder trennen kann! Sie werden zum Zufluchtsort, zu dem man geht, wenn man Trost braucht, und sie werden Teil deines Lebens als unzertrennlicher Begleiter.

       Gute Leute sind genauso schwer zu finden wie gute Bücher. Ich danke den Menschen, die für mich wie meine eigenen Bücher sind. Ich werde nie aufhören, ihre Seiten mit Liebe noch einmal zu lesen.

4.8.24

Die anderen Leute!

 










Vor einigen Tagen las ich in einer 80 Jahre alten Zeitung das alte Sprichwort »Andere Leute sind auch Leute!« Mir ist nicht bekannt, woher diese Milchmädchen-Weisheit stammt, das ist ja auch gleich; wichtig ist nur die Aussage, »dass man andere Leute nicht verachten soll!.« Was aber sind denn andere Leute? Der Ausdruck meint eigentlich nichts anderes als »Andere Menschen«. Und das heisst: Menschen aus der Nachbarschaft, aus einer anderen Gegend, einer anderen politischen Partei, einem anderen Volk. Auch Menschen einer anderen Hautfarbe, anderer Religion oder einer fremden Sprache.

     Gemeint sind jedoch auch die klassifizierten »Besserverdienenden«, aber auch jene, die neidvoll eben diese Menschengruppen als Ausbeuter abstempeln, die mehr haben als die Masse der Normalverdiener! Alle Bewohner unserer Erde haben das Feindbild eines anderen Menschen vor Augen, nach diesem richten sie ihre eigenen Ansichten aus. Und diese Ansichten werden meist schon mit der Muttermilch aufgesogen! Später solche Meinungen auszuradieren, ist eine Sisyphusarbeit und kaum noch zu bewältigen!

       Jeder Mensch ist auf seine Art etwas Besonderes, jeder hat Vorteile und Kenntnisse, die der Nachbar nicht hat, dafür ist jener mit anderen Qualitäten befähigt. Ohne diese Veranlagungen wäre unsere Kultur auf der Höhe des Vorzeitmenschen stehen geblieben!

     »Andere Leute sind auch Leute« heisst aber auch: Wer Dieses oder Jenes besser kann, soll anderen auch helfen, bei denen es nicht so gut klappt! In unserem Grundgesetz heisst das: Geld und Gut bringt auch Pflichten mit sich (Art. 14, Abs. 2 GG). Die Menschen, die uns das Grundgesetz gaben, waren auch darauf bedacht nach der Nazi-Zeit die wichtigen Aussagen im Auge zu behalten; »Niemand darf wegen seines Geschlechts, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens und seiner politischen Meinung unterdrückt oder vorgezogen werden!«

       All das wurde von den Nationalsozialisten mit Füssen getreten. Ist es heute alles so, wie es sein sollte? Mitnichten! Männer werden z.B. noch immer den Frauen vorgezogen, in Fragen des »gleichen Lohns für gleiche Arbeit« sowie bei der »Bewertung der Stellen«. Dann schaut man mal auf die anderen Regeln, die das GG vorschreibt. Da ist längst nicht alles so, wie es sein sollte oder wie es mal war! Alles einzeln aufzuzählen, würde den Rahmen sprengen, aber es macht doch ganz schönes Kopfzerbrechen, was alles den Lauf der Demokratie bremst.

     »Hast du schon gehört?« Wie oft ist mit dieser Einleitung so manche »Fake-Nachricht« unter die Leute gebracht worden! Ich jedenfalls prüfe jede öffentliche Nachricht mehrmals auf ihre Wertigkeit, bevor ich sie als wahr erkennen kann!
Wie viel Not und Elend ist durch solche Falschmeldungen in die Welt gekommen!

       Für mich und die meisten Menschen in unserem Land gilt immer noch die Aussage, dass jeder gleichviel wert ist und auch die gleichen Rechte beanspruchen darf und kann!

Menschenwürde darf nicht finanziell kompensierbar sein.

28.7.24

Meine Zeit II.

 







 

Welch ein Tag war das doch. Musik und Farben auf allen Wegen. Auf allen Strassen und Plätzen, an den Ufern der Seine, wo sonst vielfach die Clochards ihr Leben verbringen, war nun die künstlerische Welt tonangebend. Paris lag der sportlichen Welt visuell und akustisch zu Füssen. Bei einem unvorstellbaren technischen Aufwand ging es wirklich schon um Höchstleistungen. Gut vorbereitet haben die Veranstalter die allererste Goldmedaille verdient! Chapeau, mon équipe française!

       Aber auch die Zuschauer an den TV-Geräten vollbrachten zum Teil Höchstleistungen. Die stundenlangen Prozessionen der teilnehmenden Nationen, aufgehellt von Ballettkünstlern und Stars der Musikszene forderten dem Publikum schon eine Menge ab.

       Ja, es war wirklich eine grandiose Show der Superlative, die den Menschen in Paris und bei uns daheim geboten wurde. Wen stören da schon die Kosten, die dafür aufgebracht werden? Etwa 7,7 Milliarden EUROs schätzungsweise wird Paris kosten - das ist schon eine gewaltige Zahl, mit der sich rechnen lässt! Einiges wird davon durch Werbeeinahmen und TV-Rechten gedeckt sein. aber ganz bestimmt nicht alles, das hat die Vergangenheit bewiesen.

     Citius, altius, fortius - (schneller, höher, stärker(1894) 

das war einmal derr Sinnspruch der Olympischen Spiele der Antike. Aber da bekam der Sieger auch einen Lorbeerkranz als Belohnung! Ich denke, dafür würde heute wohl niemand mehr ein Stadion betreten. Und die professionellen Sportgrössen würden sich vor Lachen ihre Muskeln festhalten.

       So ändern sich die Zeiten, für die »Einen« zum Vorteil, die »Restlichen« schauen eben zu! Ach ja - eines vergass ich noch: Zur Zeit von »OLYMPIA« herrschte Frieden - auf allen Seiten ...

24.7.24

Meine Zeit I.

 


 









Während ich vor einigen Jahren in diesen Teil meines Heimatlandes, in das schöne Ostfriesland, zurückkehrte, verlor ich irgendwann meine Erinnerung an mein voriges Leben. Keine Ahnung, mir ist nicht klar, wo es geblieben ist. Ich war mir auch nicht bewusst, dass ich diese Gedanken überhaupt verloren habe. Es geht nun im Grunde genommen nur noch um das Weiterwandern in den zukünftigen Rest des Lebens. Aber das ist ja beileibe kein neues Kapitel, lange vorher stand es schon im Buch des Lebens aufgezeichnet, man musste es nur lesen - oder eben beachten.

        Die grösste Neuigkeit ist jedoch momentan, dass der gesunde Menschenverstand des 81-jährigen Präsidenten der USA am Ende gesiegt hat. Er reicht die Fackel an seine Vizepräsidentin weiter. Natürlich nicht sofort, er will seine Amtszeit bis zur letzten Stunde auskosten. Diese Vizepräsidentin ist Kamala Harris, eine typisch amerikanische Frau. Sie trägt wie keine andere die Geschichte der Vereinigten Staaten von Amerika in sich, von der Zeit der Sklaverei bis zum bitteren Vietnamkrieg! Sie wird es nicht leicht haben in diesem typischen US-Wahlkampf. Sie muss gegen einen gewieften Geschäftsmann, der mit allen Wassern gewaschen ist, antreten. Und wie das ausschaut, haben wir alle vor 4 Jahren erfahren!

       Aber auch Mr.Trump braucht nun alle Kräfte, wenn er hier bestehen will. Trotz all seiner Bemühungen, ein junges und gesundes Leben zu führen, wird ihm jetzt, mit 78 Jahren, das Image eines »alten Mannes« angeheftet. Sicherlich wird ihn das auch ein wenig verletzen und verunsichern. Er kann nun unmöglich noch behaupten, wacher zu sein als seine Gegenkandidatin, die jung, frisch, gutaussehend und redegewandt ist. Wir werden uns auf einen spannenden und nervenaufreibenden Kampf in den USA gefasst machen, in dem auch einiges für den ganzen Erdball auf dem Spiel steht.

       Ein anderer Kampf ist nun zu Ende! Am letzten Tag einer spannenden und schönen Tour de France gab es keine Überraschungen mehr. Jeder kann nun sagen, dass es einen rechtmässigen Sieger gibt, den Slowenen Tadej Pogačar. Er war nicht mehr auf dem Prüfstand, bereits zum dritten Mal war er Gesamtsieger und diesmal mit 6 Tagessiegen. Noch ein paar Tage und wir können die »Helden« dieser Tour - und andere - wieder bei den Olympischen Spielen in Paris bewundern. Ohne den Pogačar. Der braucht jetzt eine Erholung ...

       Am Freitag wird dort dann die Jagd auf Gold, auf Silber und Bronze eröffnet. Nicht nur im Radsport, sondern in allen Sportarten, die wir irgendwie kennen. (Gibt es eigentlich für den Herrn Bach auch eine Medaille? Ich frag ja nur.)

      "Na - dann spielt  man schön" - mit einem Wort von Theodor Heuss abgewandelt. Der meinte aber die Bundeswehr. (hoffentlich benötigen wir die nicht?)

So, das ist erst einmal alles, was ich an diesem grauen Mittwochmorgen zu sagen habe, schliesslich sind es wieder weitere Wortbilder, die ich mir für diese letzten Julitage gesichert habe. Wir sehen uns bestimmt wieder, oder?


 

23.7.24

Auch eine Wahrheit!

 











Nach dem 2.Weltkrieg machten die Siegermächte vielfach dem Deutschen Volk grosse Vorwürfe, dass sie unfähig gewesen wären, Widerstand gegenüber dem Nazi-System zu leisten.

       Der Schriftsteller und Publizist Erich Kästner bemerkte damals zu den Vorwürfen: »Wer hat denn, als längst der Henker bei uns öffentlich umging, mit Hitler paktiert? Das waren nicht wir ... Wer hat denn Konkordate abgeschlossen? Handelsverträge unterzeichnet? Diplomaten zur Gratulationscour und Athleten zur Olympiade nach Berlin geschickt? Wer hat denn den Verbrechern die Hand gedrückt statt den Opfern? Wir nicht, meine Herren Pharisäer!«

       Diese Aussage wurde leider unterdrückt, man durfte die Sieger ja nicht erzürnen. An solchen kleinen Bemerkungen erkennt man jedoch, dass man in einer Demokratie zwar alles sagen darf - aber möglichst hinter vorgehaltener Hand!

Wir sind inzwischen reifer geworden. Auch klüger?

16.7.24

Nichts war trotzdem Viel!

 















Wie lebten wir Kinder nach dem 2.Weltkrieg? 

Ich weiss nicht, ob es möglich ist, das Leben jener Zeit nachzuempfinden.
Vieles von dem, das heute selbstverständlich ist, war uns überhaupt noch nicht bekannt - weil es das noch nicht gab! Und vieles, das es schon gab, gab es aber
nicht mehr, weil das Benutzen eines Gegenstands doch jeweils von dem Vorhandensein abhängig ist.

       Wie lebten wir also? Wir waren fröhliche Kinder, wenn wir auch viel Leid erfahren hatten, nun aber wieder lachen konnten; wir waren gesunde Kinder, weil wir unser Dasein nicht mit ungesunden Nahrungsmitteln belasten mussten - weil sie nicht vorhanden waren. Wir waren lernbegierige Kinder, weil wir aus dem Zwang der staatlichen Behörden entkommen waren und nun eine freiheitliche Ordnung kennenlernen konnten!

       Und wenn diese wichtigen Anliegen nicht zutrafen, gab es genügend Hilfestellungen, die uns zur Verfügung standen, um hier Ausgleich zu schaffen. (das war wirklich so - wenn es auch unglaubwürdig klingt.) Und mit viel eigener Willenskraft und Übung brachte wir oftmals all das mit unzureichendem Werkzeug und Material aus irgendwelchem Altgeräten das zustande, das heute nur von erfahrenen Fachleuten bewerkstelligt werden kann!

       Das erste Jahrzehnt nach dem Krieg war eine schwere Zeit! Dieses erste Jahrzehnt war jedoch auch eine schöne Zeit! Es brachte das zum Vorschein, das der Krieg lange Zeit verschüttet hatte - das wunderbare Gefühl des »Miteinanders«, in der eigenen Unzulänglichkeit und Hilflosigkeit. Kannst Du, liebe Leserin, lieber Leser, dieses Gefühl nachvollziehen, wenn mehrere Laien etwas schaffen, das als Unmöglichkeit galt - und dennoch zu einem wunderbaren Ergebnis geführt hat?

       Uns Kindern erging es nicht anders. Wir hatten nichts! Aber aus diesem Nichts brachte unsere Fantasie und Einbildungskraft so unendlich viel zum Vorschein, das man sich in der Gegenwart nicht mehr vorstellen kann,

       Wir brauchten zur Kommunikation kein Smartphone, wir trafen uns nicht zum »Abhängen«, sondern brauchten unsere knapp bemessene Zeit für sinnvolle Aufgaben! Knapp bemessen deswegen, weil unser Vater entweder noch in Kriegsgefangenschaft war oder im schlimmsten Fall »für Führer, Volk und Vaterland« sein Leben auf dem »Felde der Ehre« gelassen hatte!

       Wir schrieben noch Briefe - auf echtem Papier - und warteten dann sehnsüchtig auf Antwort! Etwas später trafen wir uns mit den Mädchen zum Tanzabend am Wochenende. Der Höllenlärm in den »Diskotheken« war uns fremd, es gab sie halt noch nicht! Ganz ehrlich: Sie haben uns auch noch nicht gefehlt! Lärm und Gefühl war damals noch etwas, das nicht zusammengehörte!

        Und die Schulzeit? Nach den Hausarbeiten, die von den Lehrern aufgegeben wurden, war das Spielen am Nachmittag angesagt. Wir hatten noch die Möglichkeit in der Stadt, auf der Straße zu spielen! So manche beliebten Gemeinschaftsspiele fanden in Ermanglung von großen Spielplätzen eben auf der Straße statt. Man stelle sich das einmal vor, die Zufahrtsstraße zur Bundesstraße YX wäre von einem Haufen Kinder besetzt, die »Völkerball« spielen …

       Rollschuhe wurden noch an den Schuhen angeschnallt, ebenso Schlittschuhe. Wenn wir bei uns Fußball spielten, hatten wir beileibe keine Fußballschuhe, von Turnschuhen bis zum Barfußspiel war da alles vertreten. Spaß hatten wir allemal. Ob Sommer oder Winter, ob Schnee oder Sonnenbrand, das Leben der Kinder war ohne die moderne Technik für uns Kinder lebenswert.

       Bis - ja bis die modernen Geräte uns einholten, bis das Denken an einem Punkt angelangt war, an dem das große Schild angebracht war: From now on, everything is automated!

14.7.24

Zeit für mich?

 


 













Da war einst ein kleiner Junge, der seinen Vater über alles liebte. In seinen Fantasien war dieser der Superheld, der alle Probleme lösen konnte; aus dieser Zuneigung entstand das Bedürfnis, ihn immer näher bei sich zu haben. Sein Vater liebte ihn ebenfalls, aber auf seine Art, doch er hatte zu wenig Zeit, da er immer zu sehr von seinem Beruf eingespannt war.

       »Papa«, sagte er eines Tages. »Ich habe diese schwierige Mathe-Aufgabe, von der ich nicht weiss, wie ich sie lösen soll. Kannst du mir bitte helfen?« Der Vater schüttelte angespannt seinen Kopf. »Nein, mein Junge, ich habe jetzt überhaupt keine Zeit, weil ich diese Arbeit für das Büro vorbereiten muss.«

       »Aber Papa, es ist sieben Uhr abends und du hast doch schon lange Feierabend!«.
»Nun, so ist es leider nicht, mein Sohn. Ich bin sehr beschäftigt; bitte doch die Mama oder deinen Bruder um Hilfe.«

       Am Wochenende sagte der Junge einem Vater: »Papa, bitte hilfst du mir, dieses Puzzle zusammenzusetzen?«

»Das kann ich jetzt nicht, mein Sohn, weil ich gerade das Auto überprüfen muss, da stimmt etwas nicht.«.
»Aber, Papa …«

»Hörst du nicht, mein Sohn? Ich habe definitiv keine Zeit dafür.«

***

Einige Tage später fragte der Junge seinen Vater. »Papa, erzähl mir doch mal. wie viel verdienst du pro Stunde in deinem Job?«

»Wozu willst du das wissen?«

»Wir haben in der Schule solche Textaufgaben! Nur um es zu wissen«, antwortete sein Sohn.

»Na, so ungefähr 4o Euro in der Stunde, etwa im Durchschnitt.«
»Danke, Papa«, sagte der Junge.

In den darauffolgenden Wochen trug der Junge frühmorgens Zeitungen aus, ohne es jemandem zu sagen und ohne dass seine Familie es merkte. Er machte es solange, bis er insgesamt vierzig Euro beisammen hatte. Als er den Betrag verdient hatte, ging er zu seinem Vater und sagte:

»Lieber Papa, ich möchte dir eine Stunde deiner Zeit abkaufen, damit du sie mir bitte ganz allein geben kannst.“

 

13.7.24

40 Jahre nach 1984

 
















In einem Erzeugnis der Presse las ich, Russland und China würden weniger Waffen in andere Länder exportieren als früher. Was wie eine erfreuliche Nachricht klingt, ist in Wirklichkeit ein schwacher Trost. Denn die autoritären Regime brauchen natürlich die Waffen der heimischen Rüstungsindustrie selbst – Moskau für den Angriffskrieg in der Ukraine, Peking zum Bau einer „Großen Mauer aus Stahl“, wie es Präsident Xi Jinping angekündigt hat.

      1989, mit dem Fall des Eisernen Vorhangs, waren die damit verbundenen Hoffnungen groß, eine militärische Konfrontation autoritärer und demokratischer Systeme lasse sich dauerhaft überwinden. Sie haben sich als trügerisch erwiesen. Im Gegenzug zur russischen Invasion in der Ukraine rüstet nun auch Europa auf. Die USA exportieren Waffen mehr und mehr, Marschflugkörper sollen auch in Deutschland stationiert werden!

       Die Staaten in Chinas Nachbarschaft fahren ihre Ausgaben zur Verteidigung vor der immens machtvoll auftretenden Volksrepublik und auch Nordkoreas hoch! Längst vergessen geglaubte Konfliktmuster kehren nun zurück in eine polarisierte Welt der bis an die Zähne bewaffneten Großmachtblöcke!

      Obwohl überall die Sicherung des Friedens wohl den wichtigsten Grundwert für die Menschen darstellt, sind die politischen Mächte dieser Welt von einer aktiven Friedenspolitik so weit weg wie seit Jahrzehnten nicht. Das ist die bittere Wahrheit, die den Glauben an die Menschheit erschüttern muss.

 »Big Brother is watching you!«

– dieser Slogan ist längst zum Synonym für totale staatliche Überwachung geworden. Als George Orwell 1948 seinen Roman 1984 fertigstellte, stand er unter dem Eindruck der Entwicklungen in der Sowjetunion unter Stalin. Da englische Intellektuelle dem Sozialismus sowjetischer Prägung zunehmend mit Akzeptanz begegneten, befürchtete Orwell, sie könnten sich vom totalitären Staatsdenken verführen lassen.
      Als Folge führte er ihnen in seinem Roman den Totalitarismus drastisch vor Augen. Lohnte es sich nach dem Untergang des Ostblocks noch, den Roman zu lesen? Unbedingt, es lohnt sich auch heute noch, denn dieses Buch ist ein eindringliches Plädoyer gegen totalitäre Herrschaft jeglicher Couleur.

    Der Roman »1984« führt uns eindringlich vor, wie Sprache und gelenkte Nachrichten zum Instrument der Manipulation geraten. Moderne Kommunikationsmittel bedrohen darin die Privatsphäre der Menschen.

      Orwells düsterer und pessimistischer Zukunftsroman war schon bei seinem Erscheinen nur wenige Schritte von der Gegenwart entfernt – heute ist der Abstand zur Realität nur noch gering und wird immer geringer. Diese Einteilung in drei Machtblöcke, die Orwell beschrieb, ist sie wirklich so fern?

10.7.24

Dann musst du eben gehen.



Mitten aus dem Leben erzählt ... 






Sonnenschattengeflecht auf dem Waldboden. Der Geruch nach feuchtem Moos und nach Nadelgehölz umschmeichelt die Sinne; in einem leisem Windhauch schwanken die hohen Buchen und Kiefern, kaum wahrnehmbar. Im Unterholz absterbende Äste lassen das »Stirb und Werde« der Natur überdeutlich werden. Ein kleiner Käfer versucht unermüdlich, einen morschen Baumstamm zu erklimmen. Vergebliche Mühe. Gero lächelt, spielt den Retter und nimmt ihn vorsichtig zwischen zwei Finger, setzt ihn auf das faulende Holz. Der kleine Kerl hat nichts Schnelleres zu tun als auf der anderen Seite wieder herabzufallen. Liegt dort auf dem Rücken und strampelt verzweifelt mit seinen Beinchen, kommt dann doch wieder in die richtige Lage und klettert eilig davon.

       Geros angestrengtes Lächeln will nicht so ganz gelingen. Wie ähneln die Bemühungen des kleinen Käfers doch seinem Leben! Carola sitzt neben ihm auf einem Baumstamm, fragend schaut sie ihn verwundert an. »Warum lächelst du?« Sie fragt irritiert, wartet. Er schweigt. Eine nichtssagende Handbewegung, der hilflose Blick zur Seite drückt seine Unsicherheit aus. Carola schaut ihn immer noch an. Er weiss, dass sie ihn nicht verstehen wird. Wie sollte das auch sein? Im letzten Jahr, seit dem schweren Unfall, hat sich ihre Beziehung immer mehr getrübt, es war nichts übrig geblieben von ihrer Liebe als eine Verbindung, die kaum über das Oberflächliche hinausging. 

       Gero wendet den Kopf, blickt lange auf die Waldlichtung hinaus, wo erste Nebelschwaden über dem kleinen Bach schweben. Dann seine Antwort: »Ach, nichts Wichtiges, ich sah nur ein paar Bilder vor mir!« Sie senkt den Kopf, sieht zu Boden, eine endlose Reihe von roten Waldameisen zieht dort zwischen Kiefernnadeln ihre Bahn. »Ach ja?«  Auf ihrer Stirn werden ein paar Falten sichtbar, er kennt das, es ist ein untrügliches Zeichen von Unmut. »Früher haben wir unsere Gedanken immer ausgetauscht«, meint sie dann, »auch scheinbar Unwichtiges kann wichtig sein. Es sind Deine Worte!« 

       Er sieht sie an. Ihr blondes Haar konkurriert mit dem Blau ihrer Augen, einige Sommersprossen, die sie selbst so hasst, geben dem schmalen Gesicht einen Touch von Kindlichkeit. Der Ohrschmuck aus Lapislazuli setzt dem Ganzen dann noch die Krone auf. Carola ist eine wirkliche Schönheit. Sie hatte ihn schon damals bezaubert, als sie noch zusammen in der Theatergruppe spielten. Und er war auch mächtig stolz, dass er derjenige war, der ihr Herz erobert hatte. Über drei Jahre ist es nun her, Jahre, die so wechselvoll waren wie meist das ganze Menschenleben auch. Freude und Glückseligkeit, Schmerzen und bittere Leiden. 

    »Wichtig. Unwichtig. Was macht das für einen Unterschied? Ändert das mein Leben? Unser Leben?« 
Er hat einen bitteren Geschmack auf der Zunge. Warum heuchelt sie? Er weiss doch schon seit einigen Tagen aus einem Gespräch mit Freunden, dass sie sich von ihm trennen will. »Es ist unser letzter Tag heute, nicht wahr, Carola? Warum sagst du nicht direkt, was du meinst? Auch das ist wichtig, jedenfalls für mich!« Er spürt wieder diesen Druck auf der Brust, der ihm das Atmen schwer macht.

    »Du versinkst wieder in Selbstmitleid?« Ein wenig spöttisch klingt das schon aus ihrem Mund. Jedenfalls spürt er es so. »Nun gut, mein Freund! Ich will dir dann auch sagen, dass ich lange, sehr lange hin und her überlegt habe, was aus uns beiden wird. So geht es einfach nicht mehr. Ich brauche Leben um mich herum. Du jedenfalls ziehst dich immer mehr von allem zurück. Das meinen auch alle Freunde!« Ihre Stimme wird lauter, etwas schrill. Dann tippt sie mit dem Finger auf seine Brust: »Du denkst, es dreht sich alles nur noch um dich, ja? Bist du die Sonne? Nein, du bist nur der Mond, der sich von der Sonne bescheinen lässt! Verstehst du? Nur der Mond!«

       Verwirrt schaut er sie an. Heiss steigt es in ihm auf, seine Gefühle drehen sich unablässig im Kreise. So hat er sie noch nie erlebt. Dann sagt er leise mit heiserer Stimme: »So? Und du bist dann die Sonne, ja? Meine Sonne? Die mir das Licht gibt, ja?« Er schüttelt den Kopf, erfasst wahllos einen Zweig des Unterholzes, zerbricht ihn, wirft ihn zu Boden.
»Wie selbstgerecht du doch bist, Carola.« Sie erhebt sich, läuft erregt ein paar Schritte auf dem Waldweg entlang, kommt zurück, bleibt vor ihm stehen: »Selbstgerecht? Ich habe immer zu dir gehalten, auch in deiner schweren Zeit. Immer war ich für dich da. Aber irgendwann kann man halt nicht mehr, verstehst du? Da ist man ausgebrannt, einfach alle!«

       Er schweigt, weiss ja insgeheim, dass diese Worte der Wahrheit entsprechen. Sie hat ein Recht auf ihr eigenes Leben, er kann einfach nicht erwarten, dass sie ihm alles opferte. »Carola, ich, ich liebe dich doch!« Seine Stimme klingt rau, fast tonlos. Sie steht schweigend vor ihm, den Schein der untergehenden Sonne in ihrem Rücken, das Gesicht völlig im Schatten. Schaut ihn lange an. Dann flüstert sie mit verhaltenen Worten: »Ich glaube, ich muss jetzt gehen!«

       Fast unmerklich nickt er mit dem Kopf, schliesst fassungslos die Augen. Und wie aus unerklärlichen Sphären, aus den Wipfeln der hohen Bäume klingen Töne an sein Ohr, Takte aus Beethovens Neunter, schwellen an, brausen empor und verstummen dann mit einem Paukenschlag.

       Carola steht immer noch vor ihm, beugt sich zu ihm herab, küsst ihn auf die Stirn, streicht dann sanft mit der Hand über seine geschlossenen Augen.
»Lebewohl, Gero!« Er spürt noch lange diese kleine Berührung, plötzlich ist Beethovens Musik wieder da, machtvoll, nimmt seine ganzen Sinne gefangen, während seine Schultern zucken und die Hände zittern. Als er nach endlos langer Zeit die Augen öffnet, ist sie gegangen. Nur ein Schwarm Mücken tanzt lautlos an der Stelle, an der Carola gestanden hatte. 

       »Ja, dann musst du gehen!« Er flüstert es leise in die Stille des Abends hinein, löst die Bremsen seines Rollstuhls, rollt langsam auf dem Waldweg heimwärts, sehr kraftvoll, aber die Augen blind vor Tränen.

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Krieg ist kein Spiel

    Ich bin eigentlich in einer Familie groß geworden, die den Krieg gehasst hat. Dazu haben die Jahre 1914-18 und 1939-45 zu viele Opfer ...