6.6.24

Wahltag


Der Sonntag, an dem bei uns Wahlen stattfinden, ist immer ein besonderer Abschnitt im Zeitgefüge eines demokratisch denkenden Menschen. Man hat seine Bürgerpflicht erfüllt, die Kreuze dort gesetzt, wo sie geplant waren, und wartet nun auf das abendliche Ergebnis der Abstimmung. Mehr oder weniger gespannt wird nun das Resultat eingehend angeschaut, nicht immer fällt es für den Betrachter so aus, wie er oder sie es sich gewünscht haben! Das aber liegt nun mal in der Natur der Dinge.


   Jene Zeiten, da ein Wahlresultat mit 98,5% für eine einzige Wahlmöglichkeit endete, gehören wohl endgültig der unseligen Vergangenheit an. Es sei denn, eine Mehrheit von eben diesen 98.5% entscheidet sich wiederum für den Einheitsbrei einer Partei, die sich völlig einer hirnlosen Führung unterordnet!

     Es ist schon seltsam, in einem Staat, der von Wahlen nicht unbedingt verwöhnt wird, stehen die Menschen in langen Schlangen oft stundenlang an, um ihre Rechte nutzen zu können. In anderen Staaten, die sich auch demokratisch bezeichnen, wird dieses Recht sehr lasch wahrgenommen. Je mehr Wahlen in einem Jahr abgehalten werden, desto magerer wird die Beteiligung daran. Die Wähler scheinen sich zunehmend von den Wahlurnen und den Kreuzen auf dem Stimmzettel zu entfernen.

     Man ist versucht, dies auf unterschiedliche Weise zu erklären. Die Leute bleiben weg, weil es geregnet hat. Oder weil es heiß war, und sind darum lieber ins Grüne gefahren. Weil ein langes Wochenende war, weil ein Verwandtenbesuch angesagt war oder aus diesen und jenen Gründen. Kurz gesagt: Alle Gründe, nicht wählen zu gehen, scheinen gut ihre Berechtigung zu haben. Es ist ja nicht so, dass die Menschen ihre Bürgerpflicht vernachlässigen, nein! Die Menschen wollten sogar das demokratische Ritual erfüllen, aber es gibt leider immer etwas, das sie ablenkt. Das Problem liegt meiner Meinung nach beim Wähler und nicht bei den entsprechenden Gründen. Ebenso wenig scheint es richtig, Regen oder Sonnenschein für den Mangel an demokratischer Kultur verantwortlich zu machen.

     Ich persönlich hätte da einen phänomenalen Ausdruck des demokratischem Bewusstseins anzumelden! Er würde sofort auf einen Schlag alle Probleme auflösen:

    Es wird ein Internationaler Tag der Wahl eingeführt. Und zwar global alle vier Jahre - am 29.Februar in jedem Schaltjahr! Dieser Tag ist dann von jeglichen Veranstaltungen freizuhalten.

Keine gute Idee? Ok, Ok, ich meinte ja nur, wenn Ihr denn nicht wollt, dann eben nicht …

3.6.24

Thoughts of an old man

 

 



 




Vor einigen Jahren, mir ist der Zeitpunkt entfallen, wann dies war, habe ich aufgehört, jung zu sein! Das ist solch eine Erkenntnis, dass ich höchstpersönlich darüber erstaunt bin. Wie kam ich nur auf diese absurde Idee? Bis zu diesem Zeitpunkt gab ich nämlich stets den gleichen Unsinn von mir, den ich immer wieder und überall las! Was gab es denn schon so Wichtiges, das nicht schon X-mal durchgekaut wurde, im  X und Facebook und sonst irgendwo.

Ich stellte jedenfalls fest, dass es nichts Weltbewegendes gab, das nicht in unzähligen Gazetten wieder und wieder an die Leserschaft kolportiert wurde. Schließlich ist eine Zeitung wohl dafür da, nicht wahr? Wenn danach die diversen Kommentare zu den Artikeln erschienen, durfte man auf eine eigene Meinung verzichten - man musste sich nur für den jeweiligen Kommentar entscheiden, der einem am gelungensten erschien.

Dann jedoch hatte ich diese einmalige blendende Idee! Ich- konnte- auch- selbstständig-  denken! Warum war ich darauf nicht früher gekommen? War ich schon so abhängig von Google & Co. geworden? Sind diese »sozialen Netzwerke« so allumfassend, dass man nur noch mit einem Finger suchen muss? Gewiss - früher stand das 24-bändige Pracht-Lexikon im Bücherschrank; aber bitte, ganz ehrlich: Hat da jemand wirklich einmal - nach dem Erwerb - hineingeschaut?

Auf jeden Fall habe ich mir vorgenommen, mit eigenem Hirn zu werken! Meine Gedanken, ob sie nun richtig oder falsch, sind meine Gedanken. Sollten sie völlig danebenliegen - auch gut. (Auch Albert Einstein hatte seine schlechten Tage!)

Wobei - mit dieser Relativitätstheorie bin ich ja gar nicht so weit weg von der Realität, denn alles auf der Welt ist relativ zu der Aussage, die man mir vorsetzt! Wobei ich da wieder beim Anfang angelangt bin: Ich habe aufgehört, jung zu sein! Wobei der Ausdruck »Jung« doch auch relativ ist! 
Gemessen am Alter der prä-historischen Knochenfunde…

 

 

1.6.24

75 Jahre GG

 




Das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland ist in diesem Jahr 75 Jahre alt geworden. Jedermann, auch die Gegner unserer Demokratie, berufen sich stets auf unsere Verfassung, sie erscheint mir, als die Beste, die Deutschland seit 1870, der Gründung des Deutschen Reiches, hatte. Besonders der Artikel 2, Absatz 1, GG wird oft hervorgehoben, weil er stets auf alle Aussagen passt, die der einzelne Bürger gerade von sich gibt:

»Jeder hat das Recht auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit«.

Damit zitiert man diesen Absatz des Grundgesetzartikels jedoch nicht vollständig. Dieser Satz wird erst komplett durch den Zusatz  »soweit er nicht die Rechte anderer verletzt und nicht gegen die verfassungsmässige Ordnung oder das Sittengesetz verstösst.«

    Wenn sich nun jeder an diese Prämisse halten würde, wäre in unserem Land schon eine Menge an abnormen Streitigkeiten der Wind aus den Segeln genommen. Dem aber ist eben nicht so. Jeder beruft sich auf das, was ihm zugute kommt, doch niemand nimmt jenes in Kauf, das ihm nicht behagt!

       Auch der wichtige Artikel 5 des Grundgesetzes nennt in Abs. 1 Grundrechte, die es zu schützen gilt: die Presse-, Meinungs-, Informations-, Rundfunk- und FilmfreiheitBeschränkt werden diese Rechte gemäß Art. 5 Abs. 2 GG durch die allgemeinen Gesetze sowie den Jugendschutz und das Recht der persönlichen Ehre.

    Wieder sind dies Themen, die die Menschen nur dann interessieren, wenn sie den eigenen Umkreis betreffen. Unser Grundgesetz gilt aber für alle Bürger, ob klein, ob groß, die hier in diesem Staat leben! Niemand existiert nebenher, keine Gemeinschaft, keine Gesellschaft keine autonome Person. Keiner kann sich von unserem Staat einfach absondern und ausschließen. Somit ist das GG auch für die Gesamtheit gültig, ohne jede Ausnahme. Wenn sich dann jemand unbedingt ausschliessen will - wie z.B. die sogenannten »Reichsbürger«, dann steht er eben ausserhalb der Gesetze mit all den Folgen, die daraus erwachsen!

    Nicht immer sind sich alle Teilnehmer unseres demokratischen Landes dessen bewusst. Ich selbst, heute 90 Jahre alt, kann behaupten, dass ich die Gräuel des Nazi-Staates körperlich miterlebt habe und deshalb weiss, wovon ich rede! Jederzeit!

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Vor 31 Jahren sang Wolfgang Petry ein Lied,
das all das ausdrückte, was zeitlos immer noch gilt!
Daraus hier ein Auszug:
   

Es gibt wieder dieses Gestern
Es gibt Zeichen an der Wand
Es gibt Dummheit ohne Grenzen
Und Gewalt in diesem Land
Schon die Kinder lernen hassen
Und der Fremde wird zum Feind
Die Vergangenheit wirft Schatten
Einer wirft den ersten Stein

 Wer die Augen schließt
Wird nie die Wahrheit sehn
Wer noch länger schweigt
Wird schweigend untergehen
Nur bis hierher und nicht weiter
Und nicht alles ist mir gleich
Lieber einmal nein als
tausendmal vielleicht …


 

30.5.24

Real democracies

 



 










Seit einigen Jahren ist jeder Bürger eines jeden Staates der Welt berechtigt, die »Goldene Einreise-Berechtigung« zu erhalten. Er muss lediglich über genügend Geld verfügen, um bestimmte Wirtschaftsteilnehmer umarmen zu können. Schon stehen ihm die Türen Europas weit offen.

     Unterdessen versinken im Mittelmeer weiterhin andere Anwärter im Versuch dabei, diesen tatsächlich demokratischen Raum, mit Namen Europäische Union, zu besiedeln. Es ist alles nur eine Frage der Investitionsfähigkeit. 

   Diejenigen Menschen, die in diesem blauen Postkarten-Meer sterben, investierten alles von ihrem Leben, was sie noch übrig hatten. um ihren elenden Platz auf einem tödlichen Boot aus den Händen skrupelloser Schlepper zu kaufen.

   Diejenigen jedoch, die Luxusimmobilien und ähnliches kaufen und damit weitere Geschäfte machen, verhandeln weiter mit einer anderen Art von Menschenhändlern, die noch gewissenloser sind als andere. Es wird ihnen kinderleicht gemacht, denn die Risiken, die sie dabei eingehen, sind praktisch gleich Null!

     Es kommt auf die Quantität an. Sind sie superreich, werden diejenigen, die einen Platz auf der nördlichen Seite des Meeres anstreben, auf keinerlei Hindernisse stossen. Sind sie jedoch arm, (die Überzahl der Refugees sind es), ist ihnen ein unvergessliches Abenteuer garantiert: Alterskranke Schlauchboote, Wellen und Seekrankheit, Mauern, Wächter und Stacheldraht, Auffanglager, Hunger und Angst.

   Sollten sie dann das Glück haben, zu überleben, finden sie vielleicht eine kleine Möglichkeit, in der sie - unter teils menschenunwürdigen Umständen - ihr weiteres Leben fristen können. Nicht gewollt und verachtet, manchmal möchte man sie zurückschicken auf den Ozean, der sie ans gelobte Land spülte. Sie blieben dann übrig, von ihren Lieben zu Hause getrennt, weil ihnen der Himmel auf Erden versprochen wurde.

    Der Unterschied bei der Erteilung von Aufenthaltsgenehmigungen im europäischen Raum ist das perfekte Porträt dessen, wer wir sind! Ein gemeinsames, soziales und politisches Projekt? Mitnichten. Das Geld die Welt regiert, weiss inzwischen schon das Kind in der KiTa.

     Geld ist allmächtig, Geld rechtfertigt alles, reinigt alles, reinigt sich selbst und reinigt die Verbrechen derer, die es anhäufen! Ich kann es einfach nicht glauben, dass jenes Kapital, das für den Kauf von Luxusartikeln, Immobilien und sonstigen Dingen verwendet wird, aus diesem Handel mit Auswanderern im Mittelmeer stammt. Auch nicht aus dem Waffenhandel in den diversen Kriegen, in dem beide Seiten von den gleichen Herstellern beliefert werden.

     Ist es das, was wir den undemokratischen Ländern oder den weniger echten Demokratien zu bieten haben? Warum wundern wir uns dann, wenn sie uns hassen und mit aller Kraft, die sie haben, gegen uns kämpfen wollen?

     Wir geben doch letztlich den Staaten etwas mit und lehren sie etwas Wichtiges: Alles so zu machen, wie wir es vor vormachen! Demonstration war schon seit jeher ein praktikabler Lehrmeister.

 

29.5.24

Gestern war alles gut?

 




Häufig, und in der letzten Zeit noch mehr als früher, höre und lese ich - oft auch unfreiwillig, negative Reden und Beiträge aus dem nahen und weiteren Umkreis,  die Zukunft betreffend. Obwohl wir uns im Zentrum der Gegenwart befinden, stehen wir mit einem Bein mitten in den kommenden Jahrzehnten. Die Ereignisse unserer Epoche zwingen uns dazu, mehr über die Gegenwart und auch über die kommenden Jahre nachzudenken.

       Früher, so heißt es von älteren Menschen, sei alles unendlich besser gewesen. Und unsere Zukunft nehme einen immer düstereren Ton an, man dürfe gar nicht mehr darüber nachdenken. Die Senioren erinnern sich an die Wohltaten ihrer Kindheit oder an die Pracht ihrer Jugend, als wäre sie total perfekt gewesen. Alles wird in der Erinnerung sehnsüchtig verklärt, was nicht mehr existiert.

       Und mit ihrer großartigen Argumentation bringen sie auch mich dazu, ihrer genauen Diagnose zuzustimmen. Dabei vergesse ich nur allzu oft, dass jede vergangene Zeit ihre Probleme hatte; die waren beileibe nicht geringer als die heutigen.

       Wir Menschen der Gegenwart neigen dazu, vergangene Fehler zu vergessen. Das hilft uns dann weiterzukommen. In der Erinnerung verbergen die Lichter doch immer die Schatten, besonders wenn man sie mit unserer gegenwärtigen verwirrenden Realität vergleicht. Dieser Realität , die wir morgen mit Nostalgie heraufbeschwören und ihre immensen Tugenden hervorheben, während wir an den unveräusserlichen Vorteilen festhalten, die unsere Zeit bietet.              

Es bleibt ein zeitloses Refugium für unsere Träume!

26.5.24

Inkorrekt

 














 

Als ich jung und unwissend war, als ich noch nicht wusste, dass ich nie perfekt sein würde, versuchte ich, alles so gut wie möglich zu machen. Fehler zu vermeiden und alle meine Schwächen zu verbergen war mir immer wichtig,. Ich war mir dessen sicher nicht bewusst, doch ich erlaubte mir keinen Moment der Schwäche oder des Versagens. In meinen Augen hätte das all meine Pläne zunichte gemacht, die ich vorhatte. Und ich hasste meine Schwächen, meine Zugeständnisse an das Irrationale, denn alles Unvernünftige war nach meiner Ansicht nach nicht zu rechtfertigen.

Ich litt auch oft unter den Widersprüchen zwischen dem, was ich fühlte, und dem, was ich tun sollte oder musste. Ich betrachtete alles als das Ergebnis meiner Unwissenheit und Unbeständigkeit. Es war halt meine unvollkomenes Wissen, das als Antrieb leider nicht ausreichte.

Heute mache ich mir keine Sorgen mehr darüber, ob das, was ich tue oder denke, gegen die Vernunft verstößt. Auch nicht, ob meine Fehler mir schaden oder ob man mich dafür verurteilen kann. Es ist mir auch egal, ob mich das Verlangen beherrscht oder ich die Vernunft an den Rand dränge. Ich habe es satt, für etwas Unwesentliches leiden zu müssen, ich habe es satt, nicht so sein zu können, wie ich sein will. Ich will das sein, was ich sein will und nicht das, was ich sein soll!

Es mag sein, dass ich das alles unbewusst beeinflusst habe. (Möglicherweise sind die Dinge, die wir unbewusst tun, die uns am meisten bestimmen, oft negativ.) Es ist mir aber nicht mehr wichtig, widersprüchlich zu sein oder tausend Fehler zu haben.

Ich sorge mich nicht mehr darum, Irrtümer zu produzieren oder lächerlich zu erscheinen. Wer darf mir vorschreiben, was angemessen ist und was nicht? Heutzutage versuche ich, alles auf die einfachste und schmerzloseste Art und Weise zu machen, und es ist mir völlig egal, wenn es nicht die korrekteste ist. Es stört mich nicht - und andere Menschen hat es nicht zu stören!

 

24.5.24

Ein ganz normaler Morgen

 


 

 













Die Sonne geht drüben hinter dem Wald auf, sie verziert mit einem hellen karminroten Schimmer die alten Fachwerkhäuser der Straße. Lichtgrüne Birken am Straßenrand wedeln sich im sanften morgendlichen Wind gegenseitige Grüße zu. Eine Amsel schmettert ohne Unterlass ihr morgendliches Lied in die Luft, von irgendwoher antwortet ein anderer schwarzberockter Amselmann.

        In der Fußgängerzone sind auch schon die ersten Passanten unterwegs. Die meisten von ihnen schauen dabei nicht auf die Farben des Sonnenaufgangs, hören auch nicht auf die Töne der Amsel. Sie sind wahrscheinlich zu sehr mit ihren eigenen Gedanken beschäftigt, um diese wunderbaren Einzelheiten eines Morgens aufzunehmen.

  Sicher ist dies ein Bild, schon so oft gesehen, dass es niemand mehr reizt, besonders nicht in diesen morgendlichen Stunden. Vielleicht sind sie auch noch in Gedanken bei den Träumen ihrer Nacht?

       Ein Herr im grauen Flanellanzug tritt aus einer Tür auf die Straße, schaut nach links und rechts, nimmt dann seinen hellbraunen Aktenkoffer und schreitet gemessenen Schrittes die Straße hinunter. Wer mag er sein? Ich denke mir, dass er der Besitzer eines Ladens in der Einkaufspassage dort an der Brücke des kleinen Flusses sein mag, der nun seinen Tagesablauf beginnt.

  Die Fußgängerzone der Straße füllt sich allmählich. Das Café dort an der Ecke hat seine Pforten bereits geöffnet, eine Kellnerin macht die Tische auf der kleinen Terrasse für die kommenden Gäste bereit. Die rot-weiss gewürfelten Tischdecken bilden einen angenehmen Kontrast zu dem Grau der Platten des Gehwegs. 

  Ich suche mir einen Platz an einem der Tische, die Sonnenstrahlen verbreiten ein angenehmes Gefühl auf der kleinen Terrasse vor dem Café. Die freundliche Kellnerin kommt, fragt nach meinen Wünschen und bald darauf genieße ich meinen Cappuccino. Ich fühle mich so richtig gut und zufrieden, lasse den Tag an mich herantreten; alle Problemchen sind irgendwo weit hinter mir geblieben.

   Am Nachbartisch hat eine junge, gut gekleidete, junge Frau Platz genommen. Ihr hochsommerliches Outfit lenkt ein wenig von den anderen Passanten ab. Recht verführerisch bringt sie alles zur Geltung, was sie aufzuweisen hat. Anscheinend hat sie Vergnügen daran, ihre Reize so freizügig zur Schau zu stellen. Warum auch nicht?
Auch ältere Herren, wie ich beispielsweise, sind noch nicht so weltfremd, um solche Extravaganzen nicht auch noch mit Vergnügen zu betrachten. 

  Ich schaue dann auf den gegenüberliegenden Marktplatz und sehe mit Erstaunen den Gegenpol zu diesem Mädchen am Nebentisch. Eine alte Frau, weißhaarig und ärmlich gekleidet, mit zwei Plastiktüten in der Hand, sucht in den Papierkörben der Umgebung nach leeren Flaschen. Hastig lässt sie ihre Fundstücke in den Tüten verschwinden, schaut angestrengt nach allen Seiten und setzt sich dann auf den Rand des alten Brunnens, der den Marktplatz ziert. 

  Ich fühle mich auf einmal gar nicht mehr so wohl in meiner Haut, sehe diese divergierenden Gegensätze hautnah neben mir. Warum habe ich ein Gefühl in mir, als wäre ich schuld an diesem Notstand, der so offensichtlich zutage tritt? 

Die junge Dame neben mir schaut ebenfalls zu der alten Frau dort am Brunnen. Leicht verächtlich verzieht sie die Mundwinkel, um sich dann mir zuzuwenden. »Ich finde so etwas furchtbar, das verdirbt einem ja den ganzen Morgen!«
Diese ihre Worte lassen mich bis ins Innerste meines Herzens erschauern. Ich blicke sie an, möchte etwas darauf antworten, schweige dann jedoch und reiche der Kellnerin, die inzwischen hinzugekommen ist, einen Geldschein zum Bezahlen.

  Langsamen Schrittes gehe ich, ohne mich noch einmal umzuwenden, zu diesem Brunnen am Markt. Dort sitzt sie immer noch, in Gedanken versunken, die alte Dame und schaut in den fließenden Strudel des Wassers. Aus meiner Geldbörse nehme ich einen größeren Schein, falte ihn ganz klein zusammen und lege ihn der Frau in den Schoss. Mit einer fast versagenden, heiseren Stimme flüstere ich dabei: »Mehr Flaschen habe ich leider nicht!« 

Sie sieht mich mit einem langen Blick aus ihren hellblauen Augen an und entgegnet mir, kaum verständlich: »Möge Gott sie beschützen ...«

 


23.5.24

Die richtige Seite

 











Nach den schrecklichen Bildern aus der Ukraine und den Kämpfen in Gaza nun Umschaltung zur Hochwasserlage im Saarland und Rheinland-Pfalz. Diese Berichte dauern 4 Minuten. In meinen Gedanken noch das Leid der Opfer und Angehörigen folgt auf dem Fuße ein Bericht von der Preisverleihung für die Filmschaffenden. Schöne Bilder von glitzernden Kleidern und bezaubernden Gesichtern. Ich überlege. Wie lange hat die Verzauberung dieser Gesichter wohl gedauert? Länger als die Veranstaltung?

Ich komme zu keinem Ergebnis, weil inzwischen im neuen Thema der Abgeordnete Sch. völlig atemlos mit einem Bericht von seiner gestörten Wahlkampfveranstaltung zu Gehör kommen möchte. Er ist wirklich zu bedauern, kam er dabei doch nicht dazu, seinen Gegner der Verbreitung von Unwahrheit zu bezichtigen.

Ich schalte einen Kanal weiter. Siegmund B. erzählt gerade, wie er sich täglich über seine gesunde Ernährung freut. Aha, Werbung, seniorengerecht natürlich. Ich sollte eigentlich auch gesünder leben, schießt es mir durch den Kopf! Der Gedanke ist jedoch schnell wieder entflohen.

Auf NDR läuft eine Sendung über den Sudan. Mein schlechtes Gewissen meldet sich. Ich lebe ja auf der richtigen Seite des Zauns! Ein bisschen schäme ich mich, aber ich kann nichts dafür, dass ich weiss und nicht dunkelhäutig bin. Ein Gefühl von Ohnmacht beschleicht mich. Was kann ich aber direkt tun beim Anblick dieses Elends? Ich schalte einfach um.

Gibt es nicht immer einen Ausweg? Da, WDR, endlich eine interessante Reportage. Es geht um eine Hauptschule in Berlin. Ich bin ganz bei der Sache. Habe mir nebenbei ein Bier eingeschenkt. Ich will gerade einen Schluck nehmen, da sehe ich ein etwa 15 Jahre altes Mädchen.

»Hast Du Träume?« fragt die Stimme einer Reporterin. »Meine Träume kann niemand erfüllen!« Die Antwort kam zielgenau. »Deshalb muss die auch keiner erfahren! Vielleicht irgendwann einmal, wenn ich wieder in den Iran kommen kann?« Charakterstark, denke ich bei mir. Doch schaut sie sehr verloren in die Welt, sie wirkt dabei so zerbrechlich.

Ich schalte das Gerät aus. Ich ahne, was aus ihr wird, und sie weiss es auch. Mir schleicht eine Träne ins Auge. Das ist mir schon seit Ewigkeiten nicht mehr passiert. Warum eigentlich? Ich lebe doch auf der richtigen Seite des Zauns!

Die Illusion von vermeintlicher Sicherheit ist mir zur zweiten Haut geworden. Ich bin hier Zuschauer und Voyeur, weit weg von Opfern und Tätern. Geborgen in der anonymen Masse der betroffenen Gesellschaft. Die Realität wird mir portioniert nach Hause geliefert, in appetitlichen Dosen. Und wenn es zu viel wird, schalte ich einfach ab.

Ich höre und sehe täglich aufs Neue viele grauenvolle Dinge. Aber da muss doch irgendwo noch die Welt intakt sein? Solange »Gefragt, Gejagt« über die Bildschirme rauscht, solange »Bauer Fritz noch seine Frau sucht«, da kann doch alles nicht so schlimm sein, wie man immer tut. Oder, was denkst du?

 So ganz sicher kann ich mir aber nicht sein. Einen Trost habe ich aber gewiss: Solange ich die Fernbedienung in der Hand halten kann, habe ich die volle Kontrolle!

 

 

21.5.24

Strandcafé

 

















Wartende runde Tische. 
Wer sagte neulich,
hier wäre es gut?
es raunt ganz sachte
die Jalousie im Wind.

Ein kleines Schwätzchen,
Antje, blauäugig und blond.
Theaterdonner, Weltgeschehen,
Oder das Wetter -
unverbindlich, bedeutsam!

Was sagt der Kalender?
Sturmflut, Vollmondnacht,
vertrautes Schweigen danach.
Ständig unruhige Ruhe.
Es lebt sich so dahin.

Möwen am Himmel.
Grauweißes Watt,
Schafe ernten das Grün
von schützenden Deichen.
Zeitlose Realität.

©2000 H.Lux

Krieg ist kein Spiel

    Ich bin eigentlich in einer Familie groß geworden, die den Krieg gehasst hat. Dazu haben die Jahre 1914-18 und 1939-45 zu viele Opfer ...